Stadtteil-Historiker – Niels Springer
Das Eberstädter Waldvillenviertel
Rekonstruktion der Entstehung

Geführter Rundgang
Sonntag, 11.10.2026, 14.00 Uhr | vor dem Hotel Waldriede
Sonntag, 18.10.2026, 14.00 Uhr | Tram-Haltestelle Marienhöhe
Eberstadt im Wandel
Eberstadt wurde erstmals im Jahr 782 im Lorscher Codex urkundlich erwähnt und war bis zur Eingemeindung nach Darmstadt im Jahr 1937 eine eigenständige Gemeinde. Mit der Hochindustrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann sich das bis dahin dörflich geprägte Ortsbild deutlich zu verändern. Entlang wichtiger Verkehrsachsen entstanden erste repräsentative Villen, bevor sich ab 1898 im Norden Eberstadts, zwischen der Gemarkungsgrenze zu Darmstadt-Bessungen und dem Ortskern, das neue Waldvillenviertel entwickelte. Die sogenannte Villenkolonie wurde zu einem bevorzugten Wohngebiet für wohlhabende Bürgerinnen und Bürger und prägte das Erscheinungsbild dieses Ortsteils nachhaltig.
Die ersten Gebäude des Waldvillenviertels
Den Ausgangspunkt der Entwicklung bildete das Ausflugslokal Villa Waldfriede, das der Investor und Bauspekulant Gustav Guntrum 1898 errichten ließ. Der großzügig angelegte Park und das gehobene Ambiente machten sie weit über Eberstadt hinaus bekannt. In den folgenden Jahren ließ Guntrum entlang der ehemaligen Waldschneisen weitere Villen errichten, die überwiegend an vermögende Käufer verkauft wurden. In der Anfangszeit verfügten die Gebäude weder über Straßennamen noch über Hausnummern. Stattdessen wurden sie nach ihren Eigentümern bezeichnet, etwa als „Haus Watzinger“. Diese individuelle Benennung verdeutlicht den exklusiven Charakter der frühen Villenkolonie.
Das Ausflugslokal „Villa Waldfriede“ bekam durch eine eigene Haltestelle der Dampfstraßenbahn zwischen Darmstadt und Eberstadt eine große Resonanz.
Niels Springer
Das Waldvillenviertel wächst
Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs entwickelte sich das Gebiet kontinuierlich weiter. Bereits 1914 waren rund 35 Gebäude entstanden. Aufgrund dieser Entwicklung erhielt das Waldvillenviertel erstmals einen eigenen Abschnitt im Darmstädter Adressbuch. Gleichzeitig wurden Straßennamen und Hausnummern eingeführt, unter anderem an der Schlangenschneise, der Moltkestraße oder der Kaiser-Wilhelm-Straße. Die Nummerierung begann ungewöhnlich hoch – beispielsweise bei den Hausnummern 84 beziehungsweise 100 –, da bereits mit einer erheblichen Erweiterung des Viertels gerechnet wurde.
Ein Blick in die damaligen Adressbücher zeigt eindrucksvoll die gesellschaftliche Zusammensetzung der Bewohner. Unter ihnen befanden sich Fabrikdirektoren, Bauunternehmer, hohe Militärangehörige, Ärzte, Beamte und leitende Verwaltungsmitarbeiter. Das Waldvillenviertel entwickelte sich somit zu einer bevorzugten Wohnlage des gehobenen Bürgertums.
Schwierige Spurensuche
Die Rekonstruktion der Bauentwicklung erwies sich als deutlich komplexer als zunächst erwartet. Bereits wenige Jahre nach der Entstehung der ersten Häuser wurden Straßen umbenannt, Grundstücke neu aufgeteilt und Hausnummern mehrfach verändert.
So wurde beispielsweise der östliche Abschnitt der Schlangenschneise später zum Hindenburgweg, während der westliche Teil seinen ursprünglichen Namen behielt. Nach dem Ende des Deutschen Kaiserreichs folgten weitere Umbenennungen. Die Kaiser-Wilhelm-Straße erhielt ihren heutigen Namen Am Elfengrund, der Hindenburgweg wurde zur heutigen Schillerstraße und aus der Moltkestraße entstand zunächst die Marienhöhstraße, die später zur Leo-Tolstoi-Straße wurde.
Hinzu kamen ungewöhnliche Hausnummern wie „157 1/10“ oder „94 2/10“. Sie entstanden, wenn zwischen bereits bestehenden Gebäuden neue Häuser errichtet wurden, ohne die gesamte Nummerierung einer Straße neu ordnen zu müssen. Dennoch wurden Hausnummern im Laufe der Jahrzehnte mehrfach verändert, sodass einzelne Gebäude bis in die 1970er Jahre hinein unter vier verschiedenen Adressen geführt wurden.
Historische Gebäude eindeutig zuordnen
Diese Veränderungen erschwerten die Zuordnung historischer Fotografien, Postkarten und Schriftstücke erheblich. Oft ließ sich erst durch den Abgleich verschiedener Quellen sowie durch die Auswertung von Poststempeln und Datierungen eindeutig feststellen, welchem Gebäude eine Aufnahme tatsächlich zuzuordnen war. Deshalb war es notwendig, die Adressbücher nicht nur für den eigentlichen Untersuchungszeitraum, sondern bis in die 1960er Jahre auszuwerten, um sämtliche Adressänderungen nachvollziehen zu können. Dadurch wird sichtbar, wie sich aus wenigen repräsentativen Villen innerhalb weniger Jahrzehnte ein eigenständiges und architektonisch vielfältiges Wohngebiet entwickelte.
Niels Springer
geboren 1979 in Darmstadt, studierte nach seinem Abitur BWL in Gießen und Bauingenieurwesen in Darmstadt. Seit dem Abitur beschäftigt er sich vielfältig mit der Geschichte der Stadt Darmstadt – er gehört zum Grabungsteam der Darmstädter Unterwelten und hält Vorträge über die Veränderungen der Stadt anhand von Fotovergleichen. Seine Serie „Darmstadt – ehemals, gestern, heute“ bietet über ausgewählte Einzelhäuser einen Einblick vom Anfang des vergangenen Jahrhunderts bis heute. In seinem Projekt für die Stadtteil-Historiker „Das Eberstädter Waldvillenviertel“ rekonstruiert er dessen Wachstum von der Entstehung der ersten Häuser bis zur Eingemeindung Eberstadts zu Darmstadt 1937.
Foto © Privatsammlung Niels Springer. Villa Waldfriede auf Postkarte von 1901 (Titel)




