Stadtteil-Historiker – Dr. Bernhard Bremberger
Das Gefangenenlager der Muna in Eberstadt-Süd
Gefangene und Täter

Vortrag
Termin folgt | Gemeindesaal Ev. Kirche Eberstadt-Süd
Entstehung des Straflagers
Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs verschärfte das nationalsozialistische Regime das Strafrecht drastisch. Sondergerichte verurteilten Menschen wegen vergleichsweise geringer Vergehen oder regimekritischer Äußerungen zu langen Zuchthausstrafen. Gleichzeitig stieg der Bedarf an Arbeitskräften für die Rüstungsindustrie. Im Frühjahr 1942 entschied die Justiz deshalb, Zuchthausgefangene aus dem Straflager Rodgau in der Heeresmunitionsanstalt (Muna) Eberstadt als Zwangsarbeiter einzusetzen.
Auf dem Gelände eines bereits bestehenden Barackenlagers entstand ein streng bewachtes Gefangenenlager. Mehrere Baracken wurden mit Stacheldraht umzäunt, jeder Kontakt zu den zivilen Beschäftigten war untersagt. Bis zu 300 Gefangene waren gleichzeitig im Lager untergebracht; insgesamt durchliefen vermutlich mehr als 500 Männer diesen Ort nationalsozialistischer Verfolgung und Zwangsarbeit.
Die Gefangenen
Die Häftlinge stammten aus dem gesamten Deutschen Reich sowie später auch aus den von Deutschland besetzten Gebieten. Während viele wegen Eigentumsdelikten verurteilt worden waren, saßen zahlreiche Gefangene aus politischen oder ideologischen Gründen ein. Bereits das Hören ausländischer Radiosender, regimekritische Äußerungen, Widerstandstätigkeit, Fahnenflucht oder homosexuelle Beziehungen konnten zu langjährigen Haftstrafen führen. Besonders in den letzten Kriegsmonaten wurden auch Widerstandskämpfer aus den Niederlanden und Frankreich nach Eberstadt verlegt. Heute sind mehr als 330 Häftlinge namentlich bekannt.
Es sollen Himmelfahrtskommandos gewesen sein; die 999er wurden – so heißt es – an vorderster Front eingesetzt.
Dr. Bernhard Bremberger
Zwangsarbeit für die Rüstungsindustrie
Die Gefangenen mussten unter schweren Bedingungen für die Munitionsproduktion arbeiten. Sie transportierten und verluden Munition zwischen den Arbeitshäusern, Bunkern und der Muna-Bahn oder wurden entsprechend ihrer beruflichen Kenntnisse als Handwerker eingesetzt. Für die Justiz war ihre Arbeitskraft ein wirtschaftlicher Faktor, für die Betroffenen bedeutete sie körperliche Schwerstarbeit unter ständiger Bewachung. Viele Häftlinge wurden später in sogenannte Straf- oder Bewährungsbataillone der Wehrmacht überstellt, insbesondere in das berüchtigte Ersatz-Bataillon 999, dessen Soldaten häufig an den gefährlichsten Frontabschnitten eingesetzt wurden.
Gewalt und unmenschliche Bedingungen
Der Lageralltag war von Unterernährung, Kälte, Erschöpfung und Gewalt geprägt. Zeitzeugen berichteten nach dem Krieg von Misshandlungen durch Aufseher, willkürlichen Strafen, Essensentzug und mangelnder medizinischer Versorgung. Selbst schwer verletzte oder kranke Gefangene mussten häufig weiterarbeiten. Einzelne Häftlinge wurden in Konzentrationslager deportiert, wo ihnen die sogenannte „Vernichtung durch Arbeit“ drohte. Das Lager war damit Teil des Systems nationalsozialistischer Unterdrückung und Ausbeutung.
Fluchtversuche
Trotz der strengen Bewachung versuchten mehrere Gefangene zu fliehen. Einige nutzten Arbeitseinsätze außerhalb der eigentlichen Lagerumzäunung oder kurze unbeaufsichtigte Augenblicke. Die meisten wurden jedoch nach wenigen Tagen wieder festgenommen. Als Reaktion verschärfte die Lagerleitung die Sicherheitsmaßnahmen und machte Fluchtversuche durch zusätzliche Kontrollen und äußerliche Kennzeichnungen der Gefangenen noch schwieriger.
Das Ende des Lagers und die Erinnerung
Im März 1945 wurde das Gefangenenlager vor dem Einmarsch der alliierten Truppen geräumt. Die verbliebenen Häftlinge wurden in andere Straflager verlegt und vielfach erst Anfang Mai 1945 befreit. Nach dem Krieg dienten die Baracken zunächst als Notunterkünfte, bevor sie abgerissen wurden. Auf dem Gelände entstand später der Stadtteil Eberstadt-Süd. Die Geschichte des Gefangenenlagers geriet über Jahrzehnte nahezu in Vergessenheit. Erst neuere Forschungen konnten die Ereignisse und Schicksale der Gefangenen rekonstruieren. Seit 2025 setzt sich die Darmstädter Geschichtswerkstatt dafür ein, am heutigen Adenauerplatz an diesen Ort nationalsozialistischer Verfolgung und Zwangsarbeit zu erinnern.
Dr. Bernhard Bremberger
geboren 1953 in Darmstadt, verbrachte seine Jugend in Eberstadt. 1972 zog es ihn nach Berlin, aber weiterhin behielt er ein Spielbein in seiner Heimat – in Ferienjobs war er als Briefträger in ganz Eberstadt tätig. Er ist Folkmusiker, studierte Musikethnologie, Geschichte sowie Turkologie und promovierte zum Thema „Musikzensur. Eine Annäherung an die Grenzen des
Erlaubten in der Musik“. Seit der Jahrtausendwende arbeitet er an lokalhistorischen Projekten in Berlin, vor allem zu Zwangsarbeit und Gesundheitswesen sowie zur Lagertopographie. Er gründete und moderiert die internationale Mailingliste „NS-Zwangsarbeit“. Für die Stadtteil-Historiker verfasste er bereits Aufsätze zur Zwangsarbeit in Eberstadt, zur Geschichte der Muna sowie zum Eberstädter, Frankfurter und Berliner Maler Alfred Helberger.
Foto © HStAD, R 4, 37361 20 A. Franz Mohr mit Wachtmeistern auf dem Gelände des Strafgefangenenlagers II Rollwald. (Titel)











