Stadtteil-Historiker – Dr. Bernhard Bremberger

Die Eberstädter Muna 1937 – 1945

Geschichte einer Munitionsanstalt

Muna in Eberstadt, zwei betonierte Bunkereingänge in einem Wald. Ein Schild mit der Nummer 313 steht dazwischen. Ein verrosteter Laternenpfosten ist im Vordergrund.

Bau und Aufbau

Die „Muna“ – die Heeresmunitionsanstalt Darmstadt-Eberstadt – prägte Eberstadt während der NS-Zeit und des Zweiten Weltkriegs. Obwohl ihr Verwaltungsbereich auf Eberstädter Gebiet lag, erstreckte sich das weitläufige Gelände überwiegend auf Pfungstädter Wald. Ab 1937 entstand hier eine der zahlreichen Munitionsanstalten des Deutschen Reiches, die die Wehrmacht mit Munition versorgten. Der Bau begann im Frühjahr 1937, am 20. Januar 1939 nahm die Muna ihren Betrieb auf. Das Gelände umfasste Produktions- und Lagerbereiche, Verwaltungsgebäude, Unterkünfte, Bunker und eine eigene Bahnanbindung. In Munitionsarbeitshäusern wurden unter anderem Hülsen gereinigt, Munition befüllt, bezündert und verpackt. Zahlreiche Bunker dienten der sicheren Lagerung. Die Muna-Bahn verband das Gelände mit dem Bahnhof Bickenbach und ermöglichte den Transport der Munition.

Zwangsarbeiterinnen in der Muna

Für Eberstadt entwickelte sich die Muna schnell zu einem wichtigen Bestandteil der lokalen Kriegswirtschaft. Betriebe aus Eberstadt und der Umgebung lieferten Materialien, Werkzeuge und Ausrüstung. Auch zahlreiche Einwohnerinnen und Einwohner arbeiteten dort. Während Männer vor allem für Transport- und Maschinenarbeiten eingesetzt wurden, übernahmen Frauen häufig die Reinigung, Befüllung und Verpackung der Munition. Die Muna war damit eng mit dem wirtschaftlichen und sozialen Leben Eberstadts verbunden. Mit zunehmender Dauer des Krieges verschärfte sich die Situation. Ab 1942 wurden in der Muna auch ausländische Zwangsarbeiterinnen eingesetzt. Nach bisherigen Forschungen sind 18 Französinnen und 153 sogenannte „Ostarbeiterinnen“, überwiegend Frauen aus der Sowjetunion, namentlich bekannt. Ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen waren von Entrechtung, Isolation und Mangel geprägt. Auch Todesfälle und die Geburt von Kindern sind dokumentiert.

So genau wusste niemand, mit dem ich sprach, was es damit auf sich hat. Was also genau war die Muna?

Dr. Bernhard Bremberger

Das Gefangenenlager an der Mittelschneise

Ebenfalls ab 1942 arbeiteten Gefangene aus dem Straflager Dieburg/Rodgau in der Muna. Bis zu 300 Häftlinge waren dort eingesetzt. Sie lebten in einem bewachten, mit Stacheldraht umzäunten Barackenlager an der Mittelschneise, etwa im Bereich des heutigen Adenauerplatzes. Die Gefangenen mussten unter anderem Munition herstellen, transportieren und Maschinen instand halten. Ihre Arbeits- und Lebensbedingungen waren von Zwang und Gewalt geprägt. Über den eigentlichen Betrieb der Muna ist bislang nur wenig bekannt, da die meisten zeitgenössischen Unterlagen fehlen. Einzelne Dokumente belegen jedoch, dass dort unter anderem Artillerie- und Raketenmunition, Patronen und Handgranaten hergestellt beziehungsweise verarbeitet wurden. Auch große Mengen erbeuteter und anderweitig nicht mehr benötigter Munition wurden auf dem Gelände gelagert.

Das Kriegsende

Im März 1945 wurde die Muna kurz vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen bombardiert. Zeitzeugen berichten von mehreren Angriffswellen und schweren Zerstörungen. Zahlreiche Menschen kamen dabei ums Leben, darunter auch ausländische Zwangsarbeiterinnen und Kriegshilfsdienst-Mädchen. Kurz darauf wurde die Munitionsanstalt vermutlich teilweise gesprengt. Am 24. März 1945 erreichten die amerikanischen Truppen Eberstadt.

Die Muna nach 1945

Nach Kriegsende wurde das Gelände zunächst geplündert und anschließend für den Wiederaufbau genutzt. Baumaterialien, Maschinen, Gleise, Baracken und andere Gegenstände aus der ehemaligen Muna wurden von Betrieben und Einrichtungen der Umgebung angefordert. Gleichzeitig stellte die weiterhin vorhandene Munition eine erhebliche Gefahr dar. Noch Jahrzehnte später mussten große Mengen Munition beseitigt werden; Teile des ehemaligen Geländes gelten bis heute als munitionsbelastet.

Der heutige Stadtteil

Auf dem ehemaligen Muna-Gelände entstanden nach dem Krieg neue Wohn- und Gewerbegebiete. Dazu gehören unter anderem die Fritz-Dächert-Siedlung und die Wohngebiete Eberstadt Süd I–III. Ein großer Teil des Geländes wird heute von der Major-Karl-Plagge-Kaserne eingenommen. Die Geschichte der Eberstädter Muna ist bislang nur in Teilen erforscht. Fehlende Verwaltungsunterlagen und verstreute Quellen erschweren die Rekonstruktion ihrer Geschichte. Die vorhandenen Dokumente, Zeitzeugenberichte und baulichen Überreste zeigen jedoch bereits heute, welche zentrale Bedeutung die Muna für die Kriegswirtschaft, für Eberstadt und für die Geschichte der Zwangsarbeit im Stadtteil hatte. Weitere Forschungen sollen dazu beitragen, die Geschichte dieses lange wenig bekannten Ortes weiter sichtbar zu machen.

Dr. Bernhard Bremberger

geboren 1953 in Darmstadt, in den 1960er Jahren Umzug in die Eberstädter Reuterallee, ab 1972 Studium in Berlin:
Medizin, Wechsel auf Musikethnologie, Geschichte, Ethnologie und Turkologie, Promotion in Bamberg im Fach Volksmusik über „Musikzensur“, lebt in Berlin und forscht lokalhistorisch zu Zwangsarbeit, Justiz und Medizin im Dritten Reich.

Foto © Muna-Bunker (c) Peter Friedl (Titel)