Stadtteil-Historiker – Michael R. Luft
Bomben auf Eberstadt
Die Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg

Eberstadt im Bombenkrieg
Zwischen 1941 und 1945 wurde Eberstadt mehrfach von amerikanischen und britischen Flugzeugen überflogen und angegriffen. Die Schäden blieben im Vergleich zu den großen Angriffen auf Darmstadt zwar meist räumlich begrenzt, dennoch lebte die Bevölkerung insbesondere in der zweiten Hälfte des Krieges in ständiger Angst vor Luftangriffen und dem Vorrücken der alliierten Truppen.
Das Buch ordnet die Angriffe in den historischen Zusammenhang des Luftkriegs gegen Deutschland ein und erläutert auch die Entwicklung und Funktionsweise der damals eingesetzten Bomben. Sprengbomben und Luftminen sollten Dächer und Fenster zerstören und Gebäude für den anschließenden Einsatz von Brandbomben vorbereiten. Auch die bis heute bestehende Gefahr von Blindgängern wird thematisiert.
Die Brandnacht in der Kirchstraße
Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Angriff auf die Eberstädter Kirchstraße am 26. August 1944. Bei diesem Brandbombenangriff wurden mehrere Gebäude zerstört und fünf Menschen getötet. Auch das Familienanwesen des Autors wurde bis auf wenige Mauerreste zerstört.
Anhand von Schadensdokumenten, zeitgenössischen Berichten, Fotografien und Gemälden wird der Ablauf des Angriffs rekonstruiert. Die Auswertung legt nahe, dass vermutlich nur ein einzelnes Flugzeug eine begrenzte Zahl von Stabbrandbomben abwarf. Aus der Verteilung der Schäden lassen sich darüber hinaus Rückschlüsse auf die Flug- und Abwurfrichtung sowie den Ablauf des Angriffs ziehen.
Bei diesem Angriff
Michael R. Luft
wurde auch das Anwesen meiner Familie bis auf wenige Mauerreste völlig zerstört.
Tagebücher und Fliegeralarmhefte als Quellen
Eine besondere Bedeutung für die Rekonstruktion haben die Aufzeichnungen zweier Eberstädter Bürger. Die Tagebücher von Franz Best und Philipp Eysenbach dokumentieren zahlreiche Ereignisse während des Krieges und enthalten unterschiedliche Beobachtungen zu den Luftangriffen.
Besonders aufschlussreich sind außerdem die Fliegeralarmhefte des damals erst 14-jährigen Peter Pfeiffer junior. Er dokumentierte zwischen Juli 1944 und dem Einmarsch der amerikanischen Truppen im März 1945 nahezu jeden Fliegeralarm minutengenau. Dabei unterschied er zwischen Voralarm, Hauptalarm, Vorentwarnung und Entwarnung und kennzeichnete Alarme, bei denen tatsächlich Bombenabwürfe zu hören waren.
Die statistische Auswertung dieser Aufzeichnungen macht deutlich, wie häufig die Bevölkerung in Eberstadt in den letzten Kriegsmonaten durch Fliegeralarme belastet wurde.
Rekonstruktion eines Angriffs
Ein Schwerpunkt des Buches liegt auf dem Versuch, die einzelnen Luftangriffe möglichst genau zu rekonstruieren. Dabei werden Aussagen aus unterschiedlichen Quellen miteinander verglichen und Widersprüche untersucht. Auch die Schäden an Gebäuden werden ausgewertet und mit historischen Fotografien und Gemälden verglichen.
Besonders ausführlich wird der Tod des Dentisten Hermann Stange untersucht, der kurz vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen bei einem Tieffliegerangriff ums Leben kam. Die Analyse der Schäden an seinem damaligen Grundstück und weitere Quellen führen zu der Annahme, dass hierbei nicht die zunächst vermutete Sprengbombe, sondern eine kleinere Splitterbombe eingesetzt wurde.
Das Ende des Krieges
Die Angriffe auf Eberstadt standen auch im Zusammenhang mit den größeren Luftangriffen auf Darmstadt. Besonders deutlich wird dies am Beispiel des Angriffs auf Darmstadt vom 11. September 1944, der nur wenige Wochen nach der Brandnacht in der Eberstädter Kirchstraße stattfand. Die Untersuchung zeigt, wie eng die Ereignisse in Eberstadt und Darmstadt miteinander verbunden waren.
Mit dem Einmarsch der amerikanischen Truppen im März 1945 endeten die Luftalarme. Für die Bevölkerung begann damit jedoch eine neue Phase: Die Zerstörungen mussten beseitigt und Wohnhäuser und Infrastruktur wieder aufgebaut werden.
Enttrümmerung und Wiederaufbau
Ein abschließendes Kapitel widmet sich der Beseitigung der Kriegsschäden. Trotz der enormen Zerstörungen setzte bereits unmittelbar nach Kriegsende der Wiederaufbau ein. Mit großem Einsatz wurden Trümmer beseitigt, beschädigte Gebäude instand gesetzt und zerstörte Häuser wieder aufgebaut.
Die Dokumentation macht damit nicht nur die Zerstörungen des Krieges sichtbar, sondern auch den anschließenden Willen zum Wiederaufbau und zur Rückkehr zu einem normalen Leben.
Gegen das Vergessen
„Bomben auf Eberstadt“ versteht sich zugleich als Beitrag gegen das Vergessen. Mit dem Verschwinden der letzten Zeitzeugen gehen auch persönliche Erinnerungen an die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs verloren. Die sorgfältige Auswertung von Tagebüchern, Dokumenten, Fotografien, Gemälden und anderen Quellen bewahrt einen Teil dieser Geschichte und macht die Ereignisse für kommende Generationen nachvollziehbar.
Das rund 270 Seiten umfassende Buch enthält etwa 125 Abbildungen sowie einen umfangreichen Anhang mit weiterführenden Informationen, Berechnungen und Quellen. Ein Glossar, ein Sachregister und ein ausführliches Quellenverzeichnis ergänzen die Dokumentation.
Michael R. Luft
Jahrgang 1953, studierte Nachrichtentechnik/Elektronik und war Zeit seines Lebens industrieller Entwickler elektronischer Steuerungs- und Antriebstechnik. Er ist Ur-Darmstädter und seit 1983 ein überzeugter Eberstädter.
Mit den Naturwissenschaften, der Philosophie, der Psychologie und der Systemtheorie hat er sich autodidaktisch intensiv beschäftigt, wobei auch einige Bücher entstanden sind. Weiterhin hält er seit vielen Jahren Vorträge, u.a. auch bei der „Akademie
55 plus e.V.“ in Darmstadt. Sein Interesse am Kriegsgeschehen in Eberstadt beruht ursprünglich auf den Ereignissen der eigenen Familiengeschichte seiner Frau Monika Luft. Die Hofreite ihrer Großeltern mit ihrem damals erst 14-jährigen
Vater war durch den Brandbomben-Angriff vom 26. August 1944 auf die Eberstädter Kirchstraße betroffen. Das Anwesen lag mitten in der Feuersbrunst, wobei das Wohnhaus nebst landwirtschaftlichen Seitengebäuden völlig zerstört wurde.
Foto © Stadtarchiv Darmstadt. Brennende Kirchgasse (Titel)





