Stadtteil-Historiker – Helmuth Mroczek

Wie kam der Sport nach Eberstadt?

Von der politischen Bewegung zur Sportgemeinschaft

Sechs Männer in einheitlichen Outfits vollführen im Freien auf hohen Einrädern einen Balanceakt, wobei sie sich in einer Reihe an den Händen halten. Ein siebter Mann steht rechts davon und schaut zu. Im Hintergrund sind Bäume und ein verschwommener Hintergrund zu sehen.

Die Anfänge der deutschen Turnbewegung

Einen entscheidenden Impuls gab Friedrich Ludwig Jahn, der ab 1810 in Berlin regelmäßige körperliche Übungen mit jungen Männern und Studenten durchführte. 1811 gründete er den ersten Berliner Turnverein. Die Verbindung von körperlicher Ertüchtigung, Gemeinschaft und freier Meinungsäußerung machte das Turnen bald zu einer Bewegung mit gesellschaftlicher und politischer Bedeutung.
Die Obrigkeit betrachtete die Turner deshalb zunehmend mit Misstrauen. Nach dem Attentat auf den Schriftsteller August von Kotzebue durch den Burschenschafter Karl Ludwig Sand wurde das Turnen 1820 in Deutschland verboten. Während der bis 1842 dauernden Turnsperre wurde die Bewegung zwar eingeschränkt, lebte aber in privaten Kreisen weiter. Nach der Aufhebung des Verbots entwickelte sich das Turnen rasch weiter und wurde unter anderem auch Bestandteil der militärischen Ausbildung und des Schulunterrichts.

Das Turnen kommt nach Darmstadt und Eberstadt

Auch in Darmstadt verbreitete sich die Turnbewegung früh. Bereits 1817 entstand unter der Leitung von Christoph Sartorius, einem Schüler Jahns, ein erster Turnplatz. Nach der Aufhebung der Turnsperre kam 1842 der ausgebildete Turnlehrer Friedrich Metz nach Darmstadt und gab zunächst privaten Turnunterricht.
Am 2. Juni 1846 wurde schließlich mit 25 Mitgliedern der Turnverein Darmstadt gegründet, aus dem später die TSG 1846 Darmstadt hervorging. Turnfeste und öffentliche Vorführungen machten den Sport zunehmend bekannt. 1847 wurde das Turnen außerdem in den hessischen Lehrplan aufgenommen.
In Eberstadt gab es bereits früh Berührungspunkte mit dem Turnen. Der Gemeinderat beschloss am 27. September 1865, an der örtlichen Volksschule Turnunterricht einzuführen. Der Gedanke körperlicher Ertüchtigung war damit bereits im Ort verankert.
Im Herbst 1875 traf sich im Gasthaus „Zum Schwanen“ eine Gruppe junger Männer, die – angeregt durch Turnvereine in Bessungen und Pfungstadt – auch in Eberstadt einen Turnverein gründen wollte. Unter der Leitung von Georg Sand wurde zunächst auf dem Garten des Gasthauses geturnt. Das Interesse ließ jedoch schnell nach. Neben der geringen Erfahrung des Turnwarts sorgten auch Spott und Unverständnis bei den Anwohnern dafür, dass das „komische Hüpfen“ nicht überall auf Zustimmung stieß.
Nach nur zwei Monaten wurde der Turnbetrieb zunächst wieder eingestellt.

Die vier Großbuchstaben „F“, angeordnet zum Kreuz, für FRISCH-FROMM-FRÖHLICH-FREI. Dieses Zeichen wurde später das Symbol für die gesamte deutsche Turnerschaft.

Helmuth Mroczek

Der Turnverein 1876 Eberstadt

Erst im August 1876 gelang es dem Lehrer Friedrich Gompf, erneut eine Gruppe von Turnern zusammenzubringen und einen Verein zu gründen: den Turnverein 1876 Eberstadt.
Der junge Verein besuchte Turnfeste in der Umgebung und eignete sich dort neue Übungen an. Bereits 1877 übernahm Hermann Maywald den Vorsitz. In den folgenden Jahren entwickelte sich der Verein zu einer festen Größe im Eberstädter Gemeindeleben. Jährliche Turnfeste wurden veranstaltet, und der Verein wuchs auf rund 130 Mitglieder an.
Auch sportlich war der Turnverein erfolgreich. Durch regelmäßiges und diszipliniertes Training errangen seine Turner zahlreiche Siege und Auszeichnungen. Das Turnen wurde damit zu einem festen Bestandteil des örtlichen Vereinslebens.

Die Turngesellschaft entsteht

1907 spaltete sich ein Teil der Turner ab und gründete die Turngesellschaft Eberstadt. Als ein Grund für die Trennung wurde der unterschiedliche Charakter der Vereine genannt: Neben dem Sport sollte in der neuen Turngesellschaft auch die Geselligkeit eine größere Rolle spielen. Bei Veranstaltungen gehörten beispielsweise Theateraufführungen und Tanzveranstaltungen zum Programm.
Beide Vereine entwickelten sich weiter, veranstalteten größere Feste und schufen eigene Turnplätze beziehungsweise Turnhallen. Sie wurden damit zu wichtigen Trägern des gesellschaftlichen Lebens in Eberstadt.

Der Fußball kommt nach Eberstadt

Neben dem Turnen gewann zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine neue Sportart an Bedeutung: der Fußball. Bereits um 1910 spielte in Eberstadt der Fußball-Club Alemannia. 1911 wurde mit dem Fußball-Verein Germania 1911 ein weiterer Fußballverein gegründet.
Die Fußballer kamen aus unterschiedlichen Teilen der Gemeinde und unterschieden sich auch sozial von den Turnern. Die Germania-Spieler stammten überwiegend aus dem Süden Eberstadts und waren Handwerker und Arbeiter. Als Spielfeld diente zunächst die sogenannte Pfarrwiese zwischen Palisaden- und Frankensteiner Straße.
Auch Schüler und Studenten aus Darmstadt begeisterten sich für den Fußball. Sie schlossen sich 1912 zunächst dem Turnverein 1876 an, trennten sich jedoch bald wieder, da sich die Vorstellungen von Turnen und Fußball damals deutlich unterschieden.

Der erste Fußballplatz der Germania

Die Anfänge des Fußballs waren noch sehr einfach. Die Germania-Spieler mussten beispielsweise die Torpfosten nach dem Training oder Spiel wieder zur benachbarten Schreinerei zurückbringen. Nach den Angaben der Vereinschronik zum 50-jährigen Bestehen der Germania im Jahr 1961 befand sich der erste Fußballplatz auf einer Freifläche gegenüber der später langjährig bestehenden Schreinerei Schäfer in der Frankensteiner Straße 14.
Der heute bekannte Waldsportplatz entstand erst später und wurde 1921 eingeweiht.

Sport wird Teil des Eberstädter Lebens

Mit dem Turnverein 1876, der Turngesellschaft und den ersten Fußballvereinen entstanden in Eberstadt innerhalb weniger Jahrzehnte unterschiedliche Formen des organisierten Sports. Dabei ging es von Anfang an nicht allein um körperliche Bewegung. Die Vereine waren Orte der Begegnung, der Geselligkeit und des gemeinschaftlichen Lebens.
Die Geschichte des Eberstädter Sports zeigt damit zugleich einen gesellschaftlichen Wandel: Aus der ursprünglich auch politisch geprägten Turnbewegung des 19. Jahrhunderts entwickelte sich ein vielfältiges Vereinswesen, das bis heute einen wichtigen Bestandteil des Eberstädter Gemeinschaftslebens bildet.

Helmuth Mroczek

geboren am 31. Mai 1936 in Berlin, dann kriegsbedingt Umzug in den Odenwald. Dort besuchte er die Grundschule Fränkisch-Crumbach, danach die Städtische Handelsschule Darmstadt. Nach Schulabschluss absolvierte er ein Technisches Praktikum mit dem Ziel, Ingenieurwissenschaften zu studieren. Hierbei kam er in Kontakt mit Werbeagenturen. Daraufhin besuchte er das Abend-Gymnasium Darmstadt mit anschließendem Studium an der Fachhochschule für Werbung in Berlin mit Diplom. Praxis in der Werbebranche erwarb er bei der Firma Schenck in Darmstadt, war dann in der Verkaufsförderung bei Neckermann in Frank-
furt am Main tätig und schließlich Verkaufsleitung bei Ritter-Werbemittel Darmstadt. Ab 2004 hatte er die selbständige Gebietsvertretung „Werbemittel Großkunden“ für Mohndruck-Bertelsmann inne.

Foto © Fotograf unbekannt. 6er-Reigen-Mannschaft (Titel)