Stadtteil-Historikerin – Elke Riemann

Die Geschichte der Oberstraße

Eine Straße im Wandel der Jahrhunderte

Eine ruhige, menschenleere Straße mit Häusern und Gebäuden auf beiden Seiten, einer auf der Fahrbahn aufgemalten Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 km/h, geparkten Autos und einem strahlend blauen Himmel.

Von der Obergasse zur Oberstraße

Die Geschichte der Eberstädter Oberstraße reicht über vier Jahrhunderte zurück. Aus einem zunächst kaum bebauten Weg entwickelte sich eine der wichtigsten Straßen des Ortes. Die ausführliche Untersuchung „Die Oberstraße – Häuser und Bewohner über vier Jahrhunderte“ zeichnet die Geschichte der einzelnen Gebäude, ihrer Bewohner und Gewerbebetriebe nach und zeigt, wie sich die Straße im Laufe der Jahrhunderte veränderte.
Im 16. Jahrhundert konzentrierte sich die Besiedlung Eberstadts vor allem auf die Kirch- und Niedergasse. Die heutige Oberstraße war damals noch ein einfacher Weg, an dem lediglich die beiden Frankensteiner Kellereien lagen. Erst im 17. Jahrhundert siedelten sich hier nach und nach Familien an. Zeitweise wurde die Straße auch als „Zwerggasse“ bezeichnet. Im 18. Jahrhundert nahm die Bebauung zu. Neben Wohnhäusern und landwirtschaftlichen Hofreiten entstanden erste Gewerbebetriebe. Zwischen den Häusern lagen noch Bauplätze und Weingärten. Landwirtschaft gehörte weiterhin zum Alltag der meisten Bewohner: Äcker, Wiesen und Weinberge dienten der Selbstversorgung und zugleich der Entrichtung von Abgaben an die Herrschaft.
Im 19. Jahrhundert verdichtete sich die Bebauung weiter. Die Straße dehnte sich nach Osten bis in den Bereich der heutigen Mühltalstraße aus. Mit dem seit 1820 bestehenden Rathaus entwickelte sich die Oberstraße zunehmend zu einem Mittelpunkt des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens in Eberstadt.

Eine Straße voller Gewerbe

Im Laufe des 19. Jahrhunderts war die Oberstraße von einer ungewöhnlichen Vielfalt an Betrieben geprägt. Hier lagen Brauereien, Gastwirtschaften, Schmieden, Bäckereien und Metzgereien sowie Geschäfte für Kolonial- und Manufakturwaren. Auch Lehrer, Bürgermeister und Gerichtsschöffen wohnten in der Straße.
Besonders zahlreich waren die Brauereien. Bereits im frühen 18. Jahrhundert sind mehrere Brauhäuser nachgewiesen. Einige bestanden über Generationen und wurden teilweise mit Gastwirtschaften oder Branntweinbrennereien verbunden. Mit dem Wandel der Konsum- und Wirtschaftsgewohnheiten nahm ihre Zahl im 20. Jahrhundert jedoch deutlich ab.

Wer aber waren die Besitzer jedes einzelnen Hauses in dieser Zeit, und was wurde an den Grundstücken im Laufe der Jahre verändert?

Elke Riemann

Wirtshäuser und Gastwirtschaften

Auch die Eberstädter Gastwirtschaften waren eng mit den Brauereien und dem Verkehr durch den Ort verbunden. Bereits 1604 ist mit der Herberge „Zur Axt“ in der Oberstraße 13 eine Gastwirtschaft belegt.
Im 18. und 19. Jahrhundert kamen weitere Wirtshäuser hinzu, darunter das „Weiße Roß“, später „Zum Schützenhof“, sowie der „Löwe“, das „Zum fröhlichen Manne“ und der „Deutsche Hof“. Eine besonders bekannte Gastwirtschaft mit Gartenbetrieb entstand in der Oberstraße 16. Dort wurde aus einer Brauerei später eine Weinwirtschaft.
Damit war die Oberstraße nicht nur Geschäftsstraße, sondern auch ein wichtiger Treffpunkt für die Eberstädter Bevölkerung.

Die Schmiedegasse

Eine besondere Bedeutung hatte die Oberstraße für das Schmiedehandwerk. Die älteste bekannte Schmiede entstand 1737 in der heutigen Oberstraße 20 und wurde über rund zwei Jahrhunderte von der Familie Geibel betrieben. Im 19. Jahrhundert kamen weitere Schmiedewerkstätten hinzu. 1885 hatten sogar alle fünf damals in Eberstadt ansässigen Schmiede ihre Werkstätten in der Oberstraße. Neben der Geibelschen Schmiede arbeiteten hier die Schmiede Hofmann, Keller, Kredel und Pritsch.
Die Konzentration der Handwerksbetriebe prägte das Erscheinungsbild und den Charakter der Straße. Noch bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts bestand mit der Werkstatt von Heinrich August Kredel in der Oberstraße 33 eine Schmiede.

Bäcker, Metzger und Händler

Mit dem Wachstum der Bevölkerung und der zunehmenden Arbeitsteilung entwickelten sich auch weitere Handwerks- und Handelsbetriebe. Anfang des 19. Jahrhunderts sind in der Oberstraße zwei Bäckereien nachweisbar. In der Mitte des Jahrhunderts kamen Metzgereien hinzu, die teilweise über mehrere Generationen in Familienbesitz blieben.
Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts veränderte sich auch das Warenangebot. Kolonialwarenhändler verkauften nun Produkte wie Zucker, Kaffee, Tee, Kakao, Tabak und Gewürze. Gegen Ende des Jahrhunderts gab es mehrere solcher Geschäfte in der Oberstraße.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden außerdem größere Manufakturwarengeschäfte. Aus einem solchen Geschäft in der Oberstraße 1 entwickelte sich ein Kaufhaus mit einem breiten Angebot von Eisen- und Haushaltswaren über Textilien bis hin zu Schuhen. Auch das Geschäft der Gebrüder Gernsheimer in der Oberstraße 12 wurde später als „Odenwälder Tuchversandhaus“ bekannt.

Vom bäuerlichen Weg zur Geschäftsstraße

Die Entwicklung der Oberstraße spiegelt damit zugleich die Veränderung Eberstadts wider. Aus einer von Landwirtschaft geprägten Siedlung entwickelte sich im 18. und 19. Jahrhundert eine zunehmend vielfältige Gemeinde mit Handwerk, Handel und Gewerbe.
Viele Betriebe blieben über Jahrzehnte oder sogar Generationen in Familienbesitz. Die Oberstraße war Wohnort, Arbeitsplatz, Einkaufsstraße und Treffpunkt zugleich. Rathaus und Schule, Gasthäuser, Handwerksbetriebe und Geschäfte machten sie zu einem zentralen Bestandteil des öffentlichen Lebens.
Die Geschichte der Oberstraße erzählt deshalb nicht nur die Geschichte einer einzelnen Straße. Sie zeigt, wie sich Eberstadt über mehrere Jahrhunderte hinweg von einer landwirtschaftlich geprägten Gemeinde zu einem lebendigen Ort mit vielfältigem Handwerk, Handel und gesellschaftlichem Leben entwickelte.

Elke Riemann

wuchs in Frankfurt am Main auf und absolvierte Schule und Abitur an einem Frankfurter Gymnasium. Anschließend folgte dort an der Universität das Studium der Mathematik und Physik für das Lehramt an Gymnasien. Die Referendarausbildung schloss sie an einem Gymnasium in Darmstadt ab, wo sie auch als Lehrerin über 30 Jahre tätig war. Sie ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder und mehrere Enkel. Seit einiger Zeit beschäftigt sich Elke Riemann mit Geschichte allgemein bzw. mit der Regionalgeschichte, ganz besonders mit der Geschichte der Familie von Frankenstein, über die sie einige Aufsätze verfasst hat. Bei der
Gründung des Geschichtsvereins Eberstadt-Frankenstein im Jahr 2007 wurde sie in den Vorstand gewählt und ist seitdem Rechnerin und für die Mitgliederbetreuung sowie für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

Foto © Helmut Hahn. Ansicht der Oberstraße von Westen (Titel)