Stadtteil-Historiker – Dr. Arnulf Rosenstock

Eine Waldtopographie Eberstadts – Teil 2

Von der Barockzeit in die Gegenwart

Blattlose Bäume mit hohen, abgebrochenen Stämmen stehen in einem dichten, verwilderten Wald unter einem strahlend blauen Himmel mit wenigen Wolken. Das Sonnenlicht lässt einige der Äste und die Vegetation erstrahlen.

Vom Jagdwald zur geregelten Forstwirtschaft

Der Eberstädter Wald ist über Jahrhunderte hinweg durch unterschiedliche Formen der Nutzung und Bewirtschaftung geprägt worden. Vom barocken Jagdwald über die staatlich gelenkte Forstwirtschaft bis zu den heutigen Herausforderungen durch Klimawandel und Waldsterben spiegelt seine Geschichte zugleich die Veränderungen von Gesellschaft, Landwirtschaft und Umwelt wider.
Die schachbrettartige Struktur des Eberstädter Waldes mit ihren zahlreichen Schneisen geht auf die barocke Jagd der Landgrafen von Hessen-Darmstadt zurück. Das für das „Eingestellte Jagen“ angelegte Wegenetz prägt den Wald teilweise bis heute.
Mit den Agrarreformen des 19. Jahrhunderts veränderten sich auch die Nutzungsrechte an Wald und Flur. Traditionelle gemeinschaftliche Weide- und Holznutzungsrechte wurden zunehmend abgeschafft und die Nutzung von Grund und Boden neu geregelt. Gleichzeitig gewann eine planmäßige Forstwirtschaft an Bedeutung.
Bereits 1724 war die staatliche Aufsicht über die Gemeindewälder festgelegt worden. Mit der „Organischen Forstordnung“ von 1811 wurde die staatliche Forstverwaltung umfassend neu organisiert. Ziel war es, die Wälder zu erhalten, ihre Leistungsfähigkeit zu sichern und einer drohenden Holzknappheit vorzubeugen. Die Gemeindewälder unterstanden damit einer strengen staatlichen Bewirtschaftung und Kontrolle.

Landwirtschaft und Waldfeldbau

Der Wald diente nicht nur der Holzgewinnung. Über Jahrhunderte waren Wald und Landwirtschaft eng miteinander verbunden. Vieheintrieb, Streunutzung und die Gewinnung von Holz bildeten wichtige Grundlagen der bäuerlichen Wirtschaft.
Im 19. Jahrhundert wurde im Eberstädter Wald zeitweise der sogenannte Waldfeldbau betrieben. Zwischen neu angelegten Forstkulturen wurden Flächen für einige Jahre an Landwirte verpachtet oder landwirtschaftlich genutzt. Auf diese Weise konnten zusätzliche Ackerflächen gewonnen und gleichzeitig junge Waldbestände gepflegt werden.
Mit dem Einsatz künstlicher Düngemittel und neuen Formen der Forstwirtschaft verlor diese Nutzungsform gegen Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend an Bedeutung.

Holz war Zentralressource der Gesellschaft und es galt, künftiger Holznot vorzubeugen.

Dr. Arulf Rosenstock

Wald und Schädlingsplagen

Wie abhängig die Gemeinde vom Zustand ihres Waldes war, zeigte sich besonders bei den großen Kiefernkalamitäten des 19. Jahrhunderts. Bereits 1848 waren im Eberstädter Gemeindewald rund 50 Hektar Kiefern durch Raupenfraß geschädigt. 1860 wurde sogar ein Befall von mehr als 1.600 Morgen – etwa der Hälfte des Gemeindewaldes – festgestellt.
Die Bekämpfung der sogenannten Kiefernraupe verursachte erhebliche Kosten und erforderte umfangreiche staatliche Maßnahmen. Langfristig setzte sich die Erkenntnis durch, dass artenreichere und mehrschichtige Waldbestände widerstandsfähiger gegenüber solchen Schadereignissen sind.

Waldneuanlagen und Verkehrswege

Die Grenzen zwischen Wald und Feld haben sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verändert. Während die westliche Waldgrenze weitgehend konstant blieb, wurden im Süden und Osten Eberstadts Flächen aufgeforstet. Seit 1954 müssen Rodungen nach dem Forstrecht durch Ersatzaufforstungen ausgeglichen werden.
Besonders einschneidend waren die großen Verkehrsprojekte des 20. Jahrhunderts. Der Bau der Autobahn A5 im Jahr 1968 zerschnitt den Wald auf großer Länge. Mit der Umgehungsstraße B3 kamen weitere Rodungen hinzu. 1985 folgte der Bau der B426 südlich von Eberstadt. Dabei wurden Waldflächen zerstört und Lebensräume beeinträchtigt.

Das erste Waldsterben

In den 1970er und 1980er Jahren geriet der Wald durch Luftverschmutzung und den sogenannten Sauren Regen unter starken Druck. Schadstoffe, Schwermetalle und hohe Ozonbelastungen führten zu großflächigen Schäden. Maßnahmen wie strengere Immissionsschutzvorschriften, Katalysatoren, bleifreies Benzin und die Waldkalkung trugen dazu bei, die Belastungen zu verringern. Der Wald konnte sich vielerorts erholen, sodass Anfang der 2000er Jahre von einer Überwindung des damaligen Waldsterbens gesprochen wurde.

Klimawandel und das zweite Waldsterben

Inzwischen steht der Wald erneut unter erheblichem Stress. Längere Trockenperioden, steigende Temperaturen, Sturmereignisse und Schädlingsbefall treffen auf bereits belastete Böden und veränderte Wasserverhältnisse.
Auch im Eberstädter Wald sind die Folgen deutlich sichtbar. Besonders die früher vitalen Buchenbestände leiden unter zunehmender Trockenheit. Untersuchungen zeigten bereits 2019 erhebliche Schäden an den Altbuchen der Eberstädter Waldsiedlung. In den folgenden Jahren verschärfte sich die Situation weiter.
Parallel veränderten sich die Wasserverhältnisse. Der Steckenbornbach führt heute kaum noch Wasser, der Hetterbach fällt im Sommer trocken. Damit wird sichtbar, wie eng die Stabilität des Waldes mit den natürlichen Wasserhaushalten und den klimatischen Bedingungen verbunden ist.

Der Eberstädter Wald heute

Die Geschichte des Eberstädter Waldes ist eine Geschichte ständiger Veränderung. Jagd, Landwirtschaft, Holzgewinnung, staatliche Forstwirtschaft, Verkehrswegebau und Naturschutz haben seine Gestalt geprägt.
Heute steht der Wald vor neuen Herausforderungen. Die Erfahrungen der vergangenen Jahrhunderte zeigen dabei, dass seine Zukunft eng mit der Frage verbunden ist, wie Nutzung, Schutz und natürliche Entwicklung miteinander in Einklang gebracht werden können.

Dr. Arnulf Rosenstock

wurde am 8. Februar 1943 in Kassel geboren. Sein Abitur machte er in Darmstadt, nach dem Wehrdienst folgte ein Studium der Forstwissenschaften in Freiburg. Im Jahre 1974 war er Geschäftsführung im Naturpark Bergstraße-Odenwald, zugleich Kreisnaturschutzbeauftragter Kreis Bergstraße. Von 1975 bis 1985 war er als Naturschutzdezernent beim Regierungspräsidium Darmstadt tätig. 1981 promoviert zum Dr. Ing. und war vom 1. Januar 1986 bis 28. Februar 2008 Leiter des Hessischen Forstamtes Darmstadt. 2003 wurde er von der Technischen Universität Darmstadt zum Honorarprofessor ernannt. Seit 2008 emeritiert und ist seither ehrenamtlich im Naturschutz und in der Land- und Forstwirtschaft tätig. Arnulf Rosenstock ist verheiratet und hat eine Tochter.

Foto © Starkbuchenleichen im Stadtwald. Arnulf Rosenstock (Titel)