Stadtteil-Historiker – Dr. Bernhard Bremberger

Der Maler Alfred Helberger (1871 – 1946)

Ein Maler aus Eberstadt

Farbenfrohes, strukturiertes Gemälde eines Berges, der sich über einem grünen See erhebt, mit einem dramatischen gelb- und violettfarbenen Himmel voller wirbelnder Wolken. Das Bild nutzt kräftige Pinselstriche und leuchtende Farbtöne, um eine lebendige, dynamische Landschaft zu evozieren.

Die Entbindungsanstalt der Anna Maria Maywald

Am 23. Mai 1871 kam in Eberstadt ein Junge zur Welt, der später als Landschafts- und Marinemaler überregional bekannt werden sollte: Alfred Hermann Helberger. Seine unverheiratete Mutter Auguste Emilie Helberger war zur Entbindung aus Frankfurt nach Eberstadt gekommen. Die Geburt fand in der Privatentbindungsanstalt der Hebamme Anna Maria Maywald in der Heidelberger Straße statt.
Anna Maria Maywald betrieb von 1854 bis 1880 in Eberstadt eine Entbindungseinrichtung, die auch von Frauen aus Frankfurt und anderen Orten aufgesucht wurde. Ihre Einrichtung ermöglichte unverheirateten Frauen eine diskrete Geburt außerhalb ihres unmittelbaren sozialen Umfelds. Auch Auguste Emilie Helberger, Tochter eines Frankfurter Musikinstrumentenmachers, nahm diese Möglichkeit in Anspruch.
Der Vater ihres Sohnes war der deutlich ältere Frankfurter Bankier Jakob Georg Hermann Mumm von Schwarzenstein, Leiter des Champagner-Hauses G. H. Mumm & Co. in Reims und Angehöriger einer angesehenen Frankfurter Familie. Alfred wuchs jedoch bei seiner Mutter in Frankfurt auf.

Kindheit und künstlerische Ausbildung

Auguste Emilie Helberger betrieb gemeinsam mit ihrer Schwester ein Mode- und Schneideratelier in der Frankfurter Kaiserstraße. Alfred Helberger begann 1889 seine künstlerische Ausbildung am Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt. Anschließend studierte er an der Karlsruher Akademie bei renommierten Landschafts- und Marinemalern.
Schon während seines Studiums reiste Helberger mehrfach nach Norwegen. Die Landschaften Skandinaviens sollten zu einem wichtigen Motiv seines späteren künstlerischen Schaffens werden. Nach dem Studium kehrte er zunächst nach Frankfurt zurück, heiratete 1897 Helene Wolf und zog um die Jahrhundertwende mit seiner Familie nach Berlin.

Erstmals las ich im Jahre 2019 von ihm. Ich erkundigte mich weiter, aber in seiner Heimatstadt kannte ihn offenbar niemand. Das war Grund genug, weiter nachzuhaken.

Dr. Bernhard Bremberger

Ein Maler zwischen Berlin und Bornholm

In Berlin fand Helberger zahlreiche Motive: Straßenszenen, Märkte, Cafés, Varietés und Landschaften der Umgebung. Gleichzeitig zog es ihn immer wieder in die Ferne. Neben Reisen nach Norwegen, Italien, Frankreich und Holland verbrachte er ab 1902 regelmäßig Zeit auf der dänischen Insel Bornholm, wo er ab 1905 ein eigenes Haus besessen haben soll. Die Einsamkeit und die Natur Bornholms wurden für ihn zu wichtigen Inspirationsquellen. In seinen Bildern und in der 1912 veröffentlichten Mappe „Handdrucke und Rhythmen“ setzte er sich mit Landschaft, Natur und dem Gegensatz zum hektischen Großstadtleben auseinander.
Helberger stellte seine Werke in zahlreichen deutschen Städten aus, insbesondere in Berlin. Seine Landschafts- und Marinemalerei fand Eingang in bedeutende Kunstsalons und wurde auch in populären Zeitschriften reproduziert. Neben Landschaften malte er Porträts, dörfliche Szenen, Blumen- und Tierbilder.

Als Kriegsmaler im Ersten Weltkrieg

Während des Ersten Weltkriegs arbeitete Helberger als Kriegsmaler im Hauptquartier des Generals Ludwig von Falkenhausen. Er hielt das Kriegsgeschehen in den Vogesen in Gemälden und Berichten fest. Seine Arbeiten zeigten Soldaten, zerstörte Gebäude und Landschaften, aber auch Alltagssituationen hinter der Front.
Die zeitgenössischen Texte Helbergers spiegeln dabei die Wahrnehmung des Krieges aus der Perspektive eines Künstlers seiner Zeit wider. Seine Arbeiten wurden unter anderem in der „Leipziger Illustrirten Zeitung“, auf Kriegsausstellungen und in Berliner Kunstsalons präsentiert.

Reisen nach Portugal und Brasilien

Auch nach dem Ersten Weltkrieg blieb Helberger ein reisender Künstler. 1922 hielt er sich in Portugal auf und stellte zahlreiche neu entstandene Arbeiten in Lissabon aus. Im folgenden Jahr reiste er erstmals nach Brasilien. Besonders die Landschaft um Campos do Jordão inspirierte ihn zu zahlreichen Gemälden. Die brasilianischen Arbeiten wurden später auch in Berlin ausgestellt und fanden in der Presse Beachtung. Helbergers Kunst entwickelte sich damit zunehmend zu einer Verbindung unterschiedlicher Landschaftserfahrungen – von Nord- und Südeuropa bis nach Südamerika.

Helberger im Nationalsozialismus

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten geriet Helberger zunehmend unter Druck. Seine zweite Ehefrau Margarete Helberger war jüdischer Herkunft. 1937 wurde er aus der Reichskammer der bildenden Künste ausgeschlossen und ihm die Berufsausübung als Maler und Grafiker untersagt. Eine später erteilte Sondergenehmigung ermöglichte ihm jedoch, weiterhin künstlerisch tätig zu sein.
Die Repressionen begleiteten ihn bis in die letzten Lebensjahre. Die Gestapo suchte ihn mehrfach auf. 1937 wurde sein Aquarell „Brasilianische Küste“ aus dem Frankfurter Städel als „entartet“ beschlagnahmt. Trotz der Einschränkungen malte Helberger weiter und dokumentierte auch die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs.
Seine Familie war ebenfalls von der nationalsozialistischen Verfolgung betroffen. Seine Tochter Käte musste zeitweise untertauchen. Seine Ehefrau Margarete starb 1944. Alfred Helberger selbst nahm sich am 30. Januar 1946, wenige Monate nach Kriegsende, das Leben.

Der künstlerische Nachlass

Helberger hinterließ einen umfangreichen Nachlass von nahezu 1.000 Arbeiten, den er dem Magistrat von Charlottenburg vermachte. Bereits 1958 wurden dort mehr als 70 seiner Werke ausgestellt. Weitere Arbeiten gelangten später in den Kunsthandel und wurden unter anderem bei Christie’s versteigert.
Trotz seiner zahlreichen Ausstellungen und seines umfangreichen Werkes ist Alfred Helberger heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Eine umfassende Ausstellung, die sein vielseitiges Schaffen von den skandinavischen Landschaften über die Berliner Stadtbilder bis zu seinen Reisen nach Brasilien und den Kriegsbildern zusammenführt, steht bislang noch aus.
Die Geschichte Alfred Helbergers beginnt jedoch in Eberstadt: Hier wurde er 1871 als unehelicher Sohn einer Frankfurterin geboren und in der evangelischen Kirche des Ortes getauft. Die Eberstädter Entbindungsanstalt der Hebamme Anna Maria Maywald verbindet damit ein heute weitgehend vergessenes Kapitel der Ortsgeschichte mit der Biografie eines international reisenden und ausstellenden Künstlers.

Dr. Bernhard Bremberger

geboren 1953 in Darmstadt, in den 1960er Jahren Umzug in die Eberstädter Reuterallee, ab 1972 Studium in Berlin:
Medizin, Wechsel auf Musikethnologie, Geschichte, Ethnologie und Turkologie, Promotion in Bamberg im Fach Volksmusik über „Musikzensur“, lebt in Berlin und forscht lokalhistorisch zu Zwangsarbeit, Justiz und Medizin im Dritten Reich.

Foto © Museum Charlottenburg-Wilmersdorf. „Spitzbergen“ von Alfred Helberger (Titel)