Stadtteil-Historiker – Dr. Joachim Schmidt

Biografie des Pfarrers Wolfgang Weißgerber

Sie nannten ihn „Zeus“

Eine große Gruppe von Menschen in dunkler, förmlicher Kleidung steht vor einem Backsteingebäude mit einem Giebeldach. Einige Grünpflanzen schmücken das Gebäude, und eine Person schaut aus dem Fenster über dem Eingang.

Jugend, Militär, Studium

Wolfgang Weißgerber wurde am 10. August 1900 in Dieburg als Sohn des Lehrers Otto Weißgerber und seiner Frau Frieda, geborene Bucherer, geboren. Er verbrachte seine Jugend größtenteils in Friedberg, wo er sich sowohl in der Wandervogel-Bewegung als auch in christlicher Jugendarbeit, einem „Bibelkränzchen“ unter Gymnasiasten, engagierte. Nach dem Abitur begann er ein Theologiestudium in Gießen, das jedoch durch seinen späten Einsatz im Ersten Weltkrieg unterbrochen wurde. Zwar kam er an die Westfront, blieb aber vom aktiven Kampf verschont. Anschließend diente er einige Monate beim Freikorps Eulenburg in Potsdam, bevor er sein Studium wieder aufnahm, das insgesamt nur etwa vier Semester umfasste. Das erste theologische Examen verlief enttäuschend, das zweite, praxisorientierte Examen hingegen deutlich besser. Da die Hessische Kirche zunächst keine Pfarrstelle für ihn frei hatte, absolvierte er sein Vikariat in St. Veit in Kärnten, wohin er später immer wieder mit Jugendgruppen zurückkehrte.

Pfarramt und Politik

1925 begann Weißgerber seine erste Stelle als Pfarrvikar in Traisa. Dort zeigte er sich als engagierter Organisator und Gemeindeaufbauer. 1929 wechselte er nach Eberstadt, wo er bis 1968 wirkte. In dieser Zeit setzte er sich intensiv für den Aufbau der Gemeinde ein, initiierte den Bau eines Gemeindehauses, richtete Nähstuben und eine Nähschule für junge Frauen ein und schuf eine Jugendherberge auf dem Dachboden des Gemeindehauses. Besonders am Herzen lag ihm die Jugendarbeit, die er mit großem Engagement förderte.

Pfarrer Wolfgang Weißgerber war eine Eberstädter Institution. Aber um ihn gab und gibt es auch einen Nebel aus Gerüchten und Unterstellungen zu den finsteren zwölf Jahren von 1933 bis 1945.

Dr.Joachim Schmidt

Propagandist des Nationalsozialismus

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 geriet Weißgerber zunehmend unter Druck. Die NSDAP wollte die Jugendorganisationen unter ihre Kontrolle bringen und forderte geschlossene Teilnahme an Gottesdiensten. Anfangs widersetzte sich Weißgerber, später trat er in die SA ein, vermutlich in der Hoffnung, seine Jugendlichen zu schützen und Einfluss auf sie zu behalten. In der Folge veröffentlichte er zahlreiche Artikel in seinem Gemeindeblatt, die den Geist der NS-Propaganda widerspiegelten. 1938 verließ er die SA, nicht aus eigener Initiative, sondern aufgrund der Anweisung der NS-Führung, dass Geistliche keine Mitgliedschaft mehr haben durften. Ein Antrag auf Aufnahme in die NSDAP wurde 1937 abgelehnt. Während des Zweiten Weltkriegs war Weißgerber als Gefreiter in Trier, Darmstadt und Worms stationiert, ohne an der Front kämpfen zu müssen. Im März 1945 geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft.


Schwerer Neuanfang

Bereits im Juni 1945 kehrte Weißgerber nach Eberstadt zurück und begann den Wiederaufbau der Gemeinde. Er schloss sich der Michaelsbruderschaft an, führte tägliche Morgen- und Abendgebete ein und gründete die Jugendgruppe „St. Johann am Berge“ am 24. Juni 1945. Diese Gruppe legte großen Wert auf Disziplin, Ordnung und strenges geistliches Leben. Fahrten und Zeltlager, wie das legendäre Sommerlager 1948 in Lindenfels, prägten die Nachkriegsjugendarbeit nachhaltig.


Folgenlos schuldig

Die Entnazifizierung brachte zunächst eine Einstufung als Mitläufer mit Geldbuße, später wurde das Verfahren verschärft, nachdem ein alter NS-Propaganda-Artikel Weißgerbers veröffentlicht wurde. Er erhielt ein Berufsverbot für zwei Jahre und eine hohe Geldstrafe, konnte jedoch Ende 1948 wieder seinen Dienst aufnehmen.

Erklärungsbedürftige Dreifaltigkeit

In den Nachkriegsjahren prägte Weißgerber die Gemeinde Eberstadts nachhaltig. 1958 benannte er die bisher namenlose Kirche in Dreifaltigkeitskirche um, ohne Abstimmung mit dem Kirchenvorstand. 1961 ließ er die Jugendstilausstattung der Kirche entfernen und beauftragte den Künstler Helmut Uhrig mit einer Holzplastik zur Darstellung der Dreifaltigkeit hinter dem Altar. Die Plastik zeigt Jesus Christus vor und nach der Auferstehung sowie den Heiligen Geist, nicht jedoch Gott, den Vater, dessen bildliche Darstellung er ablehnte.

Bis zum Schluss schwieg er eisern über die braune Zeit

In den 1950er Jahren nahm Weißgerber seine Pressearbeit wieder auf, widmete sich der Lokalgeschichte Eberstadts und der Geschichte der Familie Frankensteiner. 1968 ging er in den Ruhestand. In seinem 1973 erschienenen Büchlein „1000 Jahre Eberstädter Kirchengeschichte“ behandelt er die NS-Zeit nur kurz. Später erklärte er einem Enkel, er habe stets Schlimmeres verhindern wollen, sprach aber nie konkret über seine Handlungen während der NS-Zeit, was auf Scham und Zurückhaltung deutet.

Dr. Joachim Schmidt

Pfarrer i.R. Dr. theol. Joachim Schmidt, Jahrgang 1948, absolvierte bis 1971 eine doppelte Ausbildung als Theologe und Journalist. 1976 berief ihn die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) zum Beauftragten für Hörfunk und Fernsehen. Von 1989 bis 2013 leitete er die Öffentlichkeitsarbeit der EKHN. Im Ruhestand widmet er sich seiner Leidenschaft als Hobby-Historiker mit journalistischem Anspruch. Ein Buch über seine Weißgerber-Forschungen ist unter dem Titel „Auf rechter Straße“ mit Unterstützung der Dotter-Stiftung im März 2020 erschienen. Joachim Schmidt lebt seit 2006 in Eberstadt und ist u.a. Mitglied des Geschichtsvereins Eberstadt-Frankenstein.

Foto © Familienarchiv Weißgerber (Titel)