Stadtteil-Historikerin – Elke Riemann

Das Eberstädter Rathaus

Von der Frankensteiner Zeit bis ins 20. Jahrhundert

Schwarz-weiße Strichzeichnung eines zweistöckigen Gebäudes, wobei die linke Seite ein Giebeldach, mehrere Fenster, eine zentrale Tür und einen Balkon mit gekreuztem Geländer aufweist; die rechte Seite ist schlichter mit flachen Fenstern.

Herrschaftliche Kellerei

Die Geschichte des heutigen Eberstädter Rathauses reicht bis ins 14. Jahrhundert zurück. An seiner Stelle befand sich damals eine sogenannte Kellerei der Herren von Frankenstein, die zu dieser Zeit die Ortsherren von Eberstadt waren. Dieses Gebäude diente vor allem zur Lagerung von Naturalabgaben, die die Bevölkerung leisten musste. Der große Gewölbekeller war dabei ein zentrales Element. Auch nachdem die Herrschaft Frankenstein 1662 vom Landgrafen von Hessen übernommen wurde, blieb die Nutzung als Kellerei bestehen und wurde in einem Salbuch um 1699 dokumentiert.

Privatbesitz bis 1819

Im Jahr 1769 ging das Gebäude in Privatbesitz über und wurde vom Oberförster Rainer erworben. In den folgenden Jahrzehnten wechselte das Anwesen mehrfach den Besitzer und wurde unterschiedlich genutzt. Unter anderem diente es als Brennerei, Lagerstätte für Papier und Wein sowie als Gastwirtschaft. Besonders umfangreich war das Gebäude mit zahlreichen Räumen, Stallungen, Gärten und einem großen Gewölbekeller ausgestattet. Der letzte private Eigentümer, Jacob Wolff, verkaufte das Anwesen schließlich 1819 an die Gemeinde Eberstadt.

Da tauchen Fragen auf, wie: Stand hier vor 1847 schon ein Haus, und wenn ja, seit wann? Wer waren die früheren Besitzer dieses Hauses und wie wurde es genutzt? Welche Amtspersonen waren hier tätig?

Elke Riemann

Rat- und Schulhaus mit einem Schulzimmer 1891/1820

Nach dem Erwerb durch die Gemeinde wurde das Gebäude zu einem kombinierten Rat- und Schulhaus umgebaut. 1819/20 entstand ein Erweiterungsbau im klassizistischen Stil, der mit dem alten Fachwerkbau verbunden wurde. Im Erdgeschoss befanden sich ein Schulraum und die Lehrerwohnung, während im Obergeschoss ein großer Saal und weitere Verwaltungsräume eingerichtet wurden. Aufgrund der steigenden Einwohnerzahl musste das Gebäude bereits 1835 erweitert werden, um zusätzliche Schulräume zu schaffen.


Versuch der Mängelbeseitigung 1841 – 1843 und Neubau des Rathauses

Trotz der Erweiterung traten immer wieder erhebliche Baumängel auf, darunter Probleme mit der Stabilität und der Rauchabführung. Nach mehreren erfolglosen Reparaturversuchen entschloss sich die Gemeinde schließlich zu einem vollständigen Neubau. In den Jahren 1846/47 entstand das heutige Rathaus auf dem Fundament der alten Kellerei. Dabei wurde teilweise altes Baumaterial wiederverwendet. Das neue Gebäude war großzügig gestaltet und verfügte über vier Schulräume sowie einen repräsentativen Rathaussaal mit aufwendiger Innenausstattung.

Heutige Nutzung des Gebäudes

Das Rathaus wird bis heute genutzt und beherbergt unter anderem die Bezirksverwaltung, eine Polizeistation sowie das Einwohnermeldeamt. Der historische Rathaussaal ist weiterhin erhalten und wird für verschiedene Veranstaltungen genutzt. Damit bleibt das Gebäude ein zentraler Ort des öffentlichen Lebens in Eberstadt.
Das Eberstädter Rathaus steht exemplarisch für die Entwicklung des Ortes über mehrere Jahrhunderte hinweg. Vom mittelalterlichen Wirtschaftsgebäude über vielfältige private Nutzungen bis hin zum modernen Verwaltungszentrum spiegelt es die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen Eberstadts eindrucksvoll wider.

Ortsvorsteher in den Jahrhunderten

Die Geschichte des Rathauses ist eng mit der Entwicklung der lokalen Verwaltung verbunden. Ursprünglich tagte das Dorfgericht unter einer Linde. Später wurde ein älteres Rathaus an der Modaubrücke genutzt. Dieses ging im 19. Jahrhundert in den Besitz der jüdischen Gemeinde über, die dort eine Synagoge errichtete, welche jedoch 1938 während der Novemberpogrome zerstört wurde.
Über die Jahrhunderte hinweg sind zahlreiche Amtsträger belegt, darunter 28 Schultheißen sowie spätere Bürgermeister und Bezirksverwalter. Viele von ihnen stammten aus wohlhabenden und einflussreichen Familien, die häufig miteinander verwandt waren. Besonders prägend waren die Familien Heß und Wolff. Mitglieder dieser Familien waren nicht nur politisch aktiv, sondern auch wirtschaftlich erfolgreich, etwa als Brauer oder Gastwirte. Ein bemerkenswertes Detail ist, dass im Studentenbuch eines Familienmitglieds Einträge von bekannten Persönlichkeiten wie Johann Wolfgang Goethe zu finden sind.

Elke Riemann

Elke Riemann ist in Frankfurt am Main aufgewachsen. Schule und Abitur absolvierte sie an einem Frankfurter Gymnasium, anschließend folgte dort an der Universität das Studium der Mathematik und Physik für das Lehramt an Gymnasien. Die Referendarausbildung schloss sie an einem Gymnasium in Darmstadt ab, wo sie auch als Lehrerin über dreißig Jahre tätig war. Seit einiger Zeit schon beschäftigt sie sich mit Geschichte allgemein bzw. mit der Regionalgeschichte, ganz besonders mit der Geschichte der Familie von Frankenstein, über die sie einige Aufsätze verfasst hat. Bei der
Gründung des Geschichtsvereins Eberstadt-Frankenstein im Jahr 2007 wurde sie in den Vorstand gewählt.

Foto © Stadtarchiv ST A 15/223 (Titel)