Stadtteil-Historiker – Thorsten Wagner
Die städtebauliche Entwicklung Eberstadts
Von der Einzelhofsiedlung bis heute

Anfänge in römischer und karolingischer Zeit
Die städtebauliche Entwicklung Eberstadts begann bereits in römischer Zeit. An der Kreuzung zweier wichtiger Handelswege siedelten sich Viehzüchter und Ackerbauern an, da fruchtbare Böden und ausreichend Wasser günstige Lebensbedingungen boten. Im Jahr 782 wurde Eberstadt erstmals urkundlich erwähnt. Zu dieser Zeit bestand der Ort aus mehreren Einzelhöfen südlich der Modau, die noch keinen geschlossenen Ortskern bildeten.
Wachstum im Mittelalter
Im Hochmittelalter entwickelte sich Eberstadt zu einer zusammenhängenden Siedlung. Entlang der heutigen Heidelberger Landstraße entstand eine wichtige Verkehrsachse mit Gasthäusern und Handelsbetrieben. Weitere Bauernhöfe und Mühlen kamen hinzu. Im 16. Jahrhundert wurde die heutige Dreifaltigkeitskirche errichtet, außerdem entstanden mehrere Mühlen und das erste Rathaus. Damit war der mittelalterliche Ortskern weitgehend ausgebildet.
Die städtebauliche Entwicklung schafft die Voraussetzungen für das Zusammenleben der Menschen. Damit ist sie in Durchsetzung ihrer gesellschaftspolitischen Ziele immer auch ein Spiegel der Gesellschaft zu ihrer jeweiligen Zeit.
Thorsten Wagner
Aufklärung 1650 bis 1800
1635 wurde Eberstadt im Dreißigjährigen Krieg fast vollständig zerstört. Der Wiederaufbau dauerte mehrere Jahrzehnte. In dieser Zeit entstanden zahlreiche neue Bauern- und Handwerkerhäuser. Gleichzeitig begann ein wirtschaftlicher Aufschwung, von dem Handel und Gewerbe profitierten. Typisch für diese Epoche waren giebelständige Hofreiten mit Wohnhaus, Wirtschaftsgebäuden und Innenhöfen.
Industrialisierung nach 1815
Mit der Industrialisierung wandelte sich Eberstadt stark. Die Bevölkerung wuchs, landwirtschaftliche Strukturen traten in den Hintergrund und neue Wohnhäuser für Arbeiter und Handwerker wurden gebaut. Es entstanden neue Straßenzüge mit geschlossener Bebauung. Ein entscheidender Schritt war der Anschluss an die Main-Neckar-Eisenbahn im Jahr 1846. In den folgenden Jahrzehnten wurden Wasserwerk, Gas- und Elektrizitätsversorgung, Kanalisation und weitere öffentliche Einrichtungen geschaffen. Eberstadt entwickelte sich von einem Dorf zu einer industrialisierten Kleinstadt.
Frühes 20. Jahrhundert und Eingemeindung
1914 erhielt Eberstadt eine elektrische Straßenbahnverbindung nach Darmstadt. Dadurch wurde der Ort enger mit der Stadt verbunden und als Wohnort attraktiver. Neue Wohngebiete und eine Villenkolonie mit Jugendstilelementen entstanden vor allem im Norden. 1937 verlor Eberstadt seine Selbstständigkeit und wurde nach Darmstadt eingemeindet. Während der nationalsozialistischen Herrschaft wurden militärische Anlagen errichtet, außerdem wurde die Synagoge zerstört.
Nachkriegszeit und neue Wohngebiete
Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg die Einwohnerzahl stark an, wodurch großer Wohnraummangel entstand. Mit der Kirchtannensiedlung entstanden neue Wohnungen. In den 1960er und 1970er Jahren folgten weitere Großsiedlungen im Nordosten und Süden. Dort wurden sowohl Einfamilienhäuser als auch Hochhäuser gebaut. Ergänzt wurden diese Neubaugebiete durch Schulen, Kirchen, Kindergärten und Einkaufsmöglichkeiten.
Stadterneuerung seit den 1980er Jahren
Ab den 1980er Jahren konzentrierte sich die Stadtplanung auf die Sanierung des historischen Ortskerns. Neue Plätze, Geschäftsbereiche und Kulturzentren entstanden. Gleichzeitig wurden Straßen umgebaut, um den Verkehr im Zentrum zu beruhigen. Historische Gebäude wurden restauriert und einer neuen Nutzung zugeführt.
Entwicklung seit den 1990er Jahren bis heute
Seit den 1990er Jahren standen soziale Probleme in den Großsiedlungen im Süden im Mittelpunkt. Durch Förderprogramme sollte die Lebensqualität verbessert werden. Gleichzeitig entstanden moderne Gewerbegebiete für Unternehmen der Informationstechnologie sowie neue Wohngebiete für junge Familien. Heute zeigt Eberstadt eine Mischung aus historischem Ortskern, gewachsenen Wohnvierteln, modernen Neubaugebieten und Gewerbestandorten.
Thorsten Wagner
Thorsten Wagner wurde 1972 in Marburg / Lahn geboren und studierte von 1993 bis 2000 Architektur an der TU Darmstadt. Er wurde mit dem Otto Bartning Förderpreis für Baukunst und dem Georg Moller Preis der Wissenschaftsstadt Darmstadt ausgezeichnet. Zusammen mit Sonja Moers und Jon Prengel ist er geschäftsführender Gesellschafter der raumwerk GmbH, eines Architektur- und Stadtplanungsbüros in Frankfurt am Main, das er mit seinen beiden Partnern 2000 gründete. 2007 wurde er in den Bund Deutscher Architekten berufen und begleitet seit 2012 als Vertreter Hessens den AKJAA (Arbeitskreis Junger Architektinnen und Architekten). Die Stadt Darmstadt und ihre Geschichte beschäftigen ihn in besonderem Maße.
Foto © Planverfasser raumwerk, Thorsten Wagner (Titel)


