Stadtteil-Historiker – Sabine und Boris Halva

Die Eberstädter Brauereien

Lokal gebraut, gemeinsam getrunken

Drei Flaschenverschlüsse aus weißer Keramik mit schwarzer Aufschrift BRAUEREI J. HIISZL EBERSTADT auf weißer Oberfläche. Die Stöpsel weisen einige Alters- und Gebrauchsspuren auf.

Ursprung und frühe Entwicklung des Brauwesens

Die Brautradition in Eberstadt und Darmstadt reicht bis ins Mittelalter zurück, auch wenn sie erst ab 1575 schriftlich belegt ist. Bereits 1573 ließ Landgraf Georg I. eine Hofbrauerei einrichten, wobei er externe Brauer einsetzte. Dies zeigt die frühe Bedeutung und Kontrolle des Brauwesens durch die Obrigkeit. Im 17. Jahrhundert existierten private und herrschaftliche Brauereien nebeneinander. Versuche, das Brauen durch Zunftordnungen zu regulieren, begannen 1647, wurden jedoch zunächst abgelehnt. Erst 1715 entstand eine Bierbrauerzunft, und 1770 wurden auch Eberstädter Brauer offiziell in eine Zunftordnung einbezogen.

Die Blütezeit im 18. Jahrhundert

Ende des 18. Jahrhunderts gab es in Eberstadt bereits mehrere bedeutende Brauhäuser. Pfarrer Johannes May beschreibt drei große Brauereien, die hochwertiges Bier produzierten. Entscheidenden Anteil daran hatten die ergiebigen Quellen mit gutem Wasser, das direkt in die Brauhäuser geleitet wurde. Das Eberstädter Bier war nicht nur im Ort selbst beliebt, sondern auch entlang der wichtigen Handelsroute zwischen Frankfurt und Heidelberg. Die Brauereien trugen wesentlich zum wirtschaftlichen Aufschwung des Ortes bei.

Wäre Eberstadt heute noch wie vor 140 Jahren, dann würden sich hier dieser Tage all jene tummeln, die gerne Bier von kleinen Brauereien trinken.

Sabine und Boris Halva

Wirtschaftliche und soziale Bedeutung

Die Brauereien waren ein zentraler Bestandteil des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens. Sie sicherten Arbeitsplätze für Brauer, Wirtsleute und Handwerker. Auch andere Berufsgruppen profitierten indirekt, etwa Maurer und Zimmerer, die im Winter Eis zur Kühlung der Bierkeller beschafften. Gleichzeitig waren Wirtshäuser wichtige soziale Treffpunkte. Die starke Präsenz der Gasthäuser wurde von Zeitgenossen teilweise kritisch gesehen, da viele Einwohner dort mehr Zeit verbrachten als in der Kirche.

Die Situation im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert erreichte das Brauwesen in Eberstadt einen Höhepunkt: Es gab sechs Brauereien, darunter größere Betriebe wie Hilsz und die „Brauerei zum Mühltal“ sowie kleinere wie Harnischfeger, Neidert, Herpel und Weyland. Zusätzlich brauten vermutlich auch einige Wirtsleute eigenes Bier, was zu Konflikten mit den größeren Brauereien führte. Insgesamt war das Brauwesen jedoch ein bedeutender Wirtschaftszweig im Ort.

Ursachen des Niedergangs

Der Niedergang begann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ein entscheidender Faktor war die Eröffnung der Eisenbahnlinie Frankfurt–Heidelberg im Jahr 1846. Dadurch verlor Eberstadt seine Bedeutung als Raststation für Fuhrleute, was besonders Gasthäuser und damit auch die Brauereien traf. Zudem nahm die Konkurrenz durch größere Brauereien in der Umgebung zu, etwa in Pfungstadt. Diese konnten effizienter produzieren und zogen Arbeitskräfte ab. Die zunehmende Konzentration des Marktes machte es kleinen Betrieben schwer zu überleben.

Das Ende der Brauereien

Ab den 1890er Jahren schlossen nach und nach die ersten Betriebe: Harnischfeger und Herpel stellten 1892 ihre Tätigkeit ein, Weyland folgte 1908. Die letzten beiden großen Brauereien, Hilsz und „Brauerei zum Mühltal“, überstanden zwar noch den Ersten Weltkrieg, mussten jedoch 1920 aufgrund von Rohstoffmangel und wirtschaftlicher Not endgültig schließen. Damit endete die jahrhundertelange Brautradition in Eberstadt.

Spuren und mögliche Wiederbelebung

Heute erinnern noch bauliche Überreste wie Kellergewölbe, alte Gebäude sowie Funde wie Bierflaschen und Porzellanverschlüsse an die frühere Brautätigkeit. Gleichzeitig gibt es Überlegungen, die Tradition wieder aufleben zu lassen – ähnlich wie beim wieder aufgenommenen Weinanbau in der Region. Mit regionalen Rohstoffen könnte die Herstellung von Eberstädter Bier erneut an Bedeutung gewinnen.

Sabine und Boris Halva

Sabine Halva hat einen Masterabschluss in Sozialer Arbeit und ist heute als Sozialpädagogin tätig. Boris Halva studierte Politik, Spanisch und Philosophie und ist Redakteur bei der Frankfurter Rundschau. Das Paar lebt mit seinen Kindern seit 2001 in Eberstadt. Als „Kaffeehaus“-Pächter gestalteten sie von 2013 an vier Jahre das lokale Wirtschafts- und Kulturleben mit.

Foto © Halva (Titel)