Stadtteil-Historiker – Dr. Arnulf Rosenstock
Eine Waldtopographie Eberstadts
Von der Frühgeschichte bis in die Barockzeit

Geographische Lage und Naturraum
Eberstadt an der Bergstraße liegt im Oberrheingraben innerhalb der Hessischen Rheinebene. Die Böden bestehen aus pleistozänen Sanden, die durch Wind verweht wurden, und es erheben sich zwei markante Dünenzüge in der Gemarkung. Das milde Klima und die mageren Böden begünstigen seltene Trockenrasenarten wie Stipa capillata und Linum perenne, die ökologisch von besonderer Bedeutung sind.
Frühgeschichte und Römerzeit
Vor- und frühgeschichtliche Funde sind selten, doch ein eisenzeitliches Hockergrab am Burgberg der Ruine Frankenstein, entdeckt 1901, ist besonders bemerkenswert. In römischer Zeit führte eine Straße von der Bergstraße zur Römerstadt Dieburg, und fränkische Einzelsiedlungen belegen die weitere Besiedlung. Die erste urkundliche Erwähnung Eberstadts stammt aus dem Jahr 782 n. Chr.
Nach diesem Fund wurde ein nahegelegener Waldweg fälschlicherweise „Hallstattweg“ benannt.
Dr. Arulf Rosenstock
Zwei Königsforste treffen hier zusammen
Eberstadt liegt zwischen zwei königlichen Bannforsten: dem Wildbann Dreieich im Norden und dem Forehahi im Süden. Die strengen Forstordnungen dieser Zeit schützten die Wälder nachhaltig und verhinderten Missbrauch durch die Bevölkerung. Gleichzeitig wurden den Landbewohnern Nutzungsmöglichkeiten wie Waldstreu oder Viehweide untersagt. Mit der Übertragung der Rechte an die Landesherren wurden gemeinschaftlich genutzte Wälder enteignet und die Bauern um ihre traditionellen Holz- und Weiderechte gebracht.
Barocke Fürstenjagd und Belastung der Bevölkerung
Ein einschneidendes Ereignis war 1661/62 der Verkauf der Herrschaft Frankenstein an die Landgrafen von Hessen-Darmstadt. Die Bevölkerung litt unter überhöhten Wildbeständen, Frondiensten für Jagdfeste und zerstörerischen Parforcejagden. Armut, Hunger, Kriegsfolgen, Einquartierungen und Seuchen führten zu einer drastischen Entvölkerung. Eine Ausnahme bildete Landgraf Georg I., der durch Aufforstungen und wirtschaftliche Reformen Verbesserungen einleitete.
Das Schneisensystem – ein Relikt der Barockzeit
Die barocke Ordnung der Wälder ist noch heute an den regelmäßig angelegten Schneisen erkennbar. Diese Schneisen tragen Namen wie „Schirmschneise“ oder „Jägerschneise“ und beziehen sich auf die damalige Jagdtradition. Historische Karten zeigen die Eberstädter Tanne als bedeutendes Jagdrevier mit sternförmigem Schneisensystem und der Jägerburg „Griesheimer Haus“. Teile dieses Erbes wurden jedoch durch den Bau der Autobahn zerstört.
Wege zur nachhaltigen Forstwirtschaft
Unter Landgraf Ludwig IX. begann eine Wende in der Forstwirtschaft. Mit reformorientierten Ministern wurden die zerrütteten Wälder saniert, und 1811 schuf die „Organische Forstordnung“ die Grundlage für nachhaltige Waldwirtschaft. Der Eberstädter Gemeindewald wurde bis zur Eingemeindung 1937 von staatlichem Forstpersonal betreut. Schließlich gingen Gemeindewälder und Jagdrecht vollständig in kommunales Eigentum über, sichtbar auch an der 1896 erbauten Oberförsterei.
Streuobstwiesen und Eberstädter Wasser
Eine besondere Rolle spielt die Initiative des Freundeskreises Eberstädter Streuobstwiesen, die dieses Landschaftsensemble bewahrt hat. Das Zentrum dient pädagogisch-ökologisch und ist überregional bekannt. Ergänzt wird dies durch den seit 1931 bestehenden Naturpfad, der als Erholungs- und Bildungselement die biologische und geografische Vielfalt der Region vermittelt.
Bis 1937 verfügte Eberstadt über eine eigene Wasserversorgung, die für ihre Qualität gelobt wurde. Später übernahm ein regionaler Versorger die Versorgung, doch intensive Wasserförderung im Ried führte zu stark gesunkenen Grundwasserständen im Westen Eberstadts. Bäche versiegten, Waldbereiche trockneten aus, und es entstanden erhebliche ökologische Schäden, die bisher kaum anerkannt wurden.
Die Toskana Eberstadts
Die östliche Streuobstlandschaft Eberstadts präsentiert sich als besonders reizvoll. Im Gegensatz zum geschundenen Westwald zeigt sich hier eine sanfte, anmutige Kulturlandschaft, die mit ihrem mediterranen Flair als „Eberstadts Toskana“ bezeichnet wird. Dank des bürgerschaftlichen Engagements konnte dieses Kleinod geschützt und bewahrt werden, und es stellt heute ein vorbildliches Beispiel für den Erhalt von Natur, Kultur und historischer Landschaftspflege dar.
Dr. Arnulf Rosenstock
Dr. Arnulf Rosenstock wurde 1943 in Kassel geboren. Nach seinem Abitur in Darmstadt, machte er seinen Wehrdienst und begann ein Studium der Forstwissenschaften in Freiburg. Im Jahre 1974 übernahm er die Geschäftsführung im Naturpark Bergstraße-Odenwald und war zugleich Kreisnaturschutzbeauftragter im Kreis Bergstraße. Von 1975 bis 1985 war er Naturschutzdezernent beim Regierungspräsidium Darmstadt. Er promoviert und war Leiter des Hessischen Forstamtes Darmstadt. 2003 wurde er von der Technischen Universität Darmstadt zum Honorarprofessor ernannt und ist seit 2008 emeritiert. Seitdem ist er ehrenamtlich im Naturschutz und in der Land- und Forstwirtschaft tätig.
Foto © Quelle HSTAD D#4/3962/001 / Arnulf Rosenstock (Titel)





