Stadtteil-Historiker – Thomas Selle
Evangelische Marienschwesternschaft e.V.
Von der Bußbewegung zur Ordensgemeinschaft

Entstehung und geistliche Anfänge
Die Evangelische Marienschwesternschaft e.V. entstand aus einer geistlichen Bußbewegung, die sich während des Nationalsozialismus und besonders nach der Zerstörung Darmstadts 1944 in den von Klara Schlink, später Mutter Basilea, und Erika Madauss, später Mutter Martyria, geleiteten Mädchenbibelkreisen entwickelte. Die beiden Frauen hatten sich bereits 1923 im Fröbelseminar in Kassel kennengelernt. Während Madauss als Wohlfahrtspflegerin arbeitete, studierte Schlink Psychologie, Kunstgeschichte und Philosophie und promovierte über das Sündenbewusstsein junger Frauen. Ihr gemeinsamer Wunsch nach geistlicher Erneuerung führte über Bibelarbeit, missionarische Tätigkeiten und prägende Begegnungen mit dem Methodisten-Superintendenten Paul Riedinger schließlich 1945 zur Entscheidung einiger junger Frauen für ein gemeinsames, verbindliches Leben in Nachfolge Jesu.
Mutter Basilea beschreibt diesen Augenblick folgendermaßen: „In dieser Stunde kam Gottes Geist sehr mächtig hernieder. […] Und es war so, als ob ER [Jesus] ganz allein gelassen dastand und uns fragte: Wer will mit mir gehen und teilen Meinen Weg der Armut […]?
Thomas Selle
Gründung und Aufbau in Darmstadt
Am 30. März 1947 wurde die Gemeinschaft offiziell gegründet. Trotz bescheidener finanzieller Mittel begannen die Schwestern mit dem Aufbau eines Mutterhauses und einer Kapelle in Darmstadt-Eberstadt. Durch unerwartete Spenden und Hilfe aus der Bevölkerung konnten die Gebäude 1951 fertiggestellt werden. In den folgenden Jahren kam es zu Spannungen mit der Evangelischen Kirche Hessen-Nassau, da Befürchtungen über eine mögliche Annäherung an katholische oder charismatische Bewegungen bestanden. Gleichzeitig pflegte die Gemeinschaft gute ökumenische Kontakte, auch zu katholischen Orden. Eine Privataudienz Mutter Basileas bei Papst Pius XII. 1953 verdeutlichte ihr leidenschaftliches Eintreten für die Einheit der Christen, wenngleich konkrete Fortschritte ausblieben. Ein zentrales Anliegen wurde zudem die Versöhnung zwischen Christen und Juden angesichts des Holocaust.
Ausbau des Geländes Kanaan
Ab Mitte der 1950er-Jahre begann der Ausbau des Geländes „Kanaan“. Trotz politischer, rechtlicher und finanzieller Hindernisse konnte die Schwesternschaft nach und nach umfangreiche Grundstücke erwerben und zahlreiche Gebäude errichten, darunter die große Jesu-Ruf-Kapelle. Das Gelände wurde symbolträchtig gestaltet, unter anderem mit Brunnen, einem „See Genezareth“, dem „Berg Tabor“ und einem Leidensgarten zur Veranschaulichung der Passion Jesu.
Wachstum und internationale Vernetzung
1964 erhielt die Gemeinschaft ihren heutigen Namen Evangelische Marienschwesternschaft, und sie wuchs rasch, auch international. 1967 entstand die Kanaan-Franziskus-Bruderschaft. Bis in die 1980er-Jahre gehörten über 200 Schwestern der Gemeinschaft an, was einen bedeutenden Anteil aller zölibatär lebenden evangelischen Gemeinschaftsmitglieder in Deutschland ausmachte. Weltweit wurden zahlreiche Zweigniederlassungen gegründet, viele Schwestern wirkten im Ausland, und die Gemeinschaft engagierte sich stark in missionarischer Arbeit, Publikationen und Rundfunksendungen.
Bewahrung und heutige Bedeutung
Nach dem Tod von Erika Madauss 1999 und Klara Schlink 2001 wurden beide im Klostergarten in Eberstadt beigesetzt. Die Leitung als „geistliche Mutter“ blieb unbesetzt, doch das Leben auf Kanaan besteht fort. Heute ist die Schwesternschaft in der Region Darmstadt aktiv, engagiert sich in ökumenischen Initiativen, richtet Jugendkongresse und Gebetsveranstaltungen aus und bleibt eine prägende geistliche Gemeinschaft innerhalb der evangelischen Landschaft Deutschlands.
Thomas Selle
Seit seiner Schulzeit interessiert sich Thomas Selle für historische Zusammenhänge. Nach dem Betriebswirtschaftsstudium war er Dozent für Wirtschaftsmathematik, Statistik und Controlling an Hochschulen in Deutschland und Großbritannien. 2009 wurde er in den USA gläubiger Christ und begann sein mein Theologiestudium, das er mit dem Bachelor of Biblical Studies und Master in Ministry abschloss. Seit Mai 2018 ist er Pastor der Evangelischen Stadtmission Eberstadt. Vor Dienstantritt erfuhr er von Mutter Basilea und der Kommunität. Durch die vielen – nicht nur dienstlichen – Kontakte, ist es ihm eine Freude, die Geschichte der Marienschwesternschaft der Öffentlichkeit näher zu bringen.
Foto © Archiv der Evangelischen Marienschwesternschaft e.V. (Titel)










