Stadtteil-Historiker – Gernot Fritzsching

Das Frankensteinisch-Schönburger Haus

Das Haus Heidelberger Landstr. 218 in seiner wechselvollen Geschichte

Ein grünes, zweistöckiges Eckgebäude mit rotem Ziegeldach hat weiß gestrichene Fenster und einen Ladeneingang an der Ecke. Verkehrsschilder und Straßenlaternen sind auf dem Gehweg neben dem Gebäude zu sehen.

Lage und historische Bedeutung

Das Frankensteinisch-Schönburger Haus in Eberstadt, an der Ecke Heidelberger Landstraße – Oberstraße, ist eines der wenigen Gebäude, die den Dreißigjährigen Krieg überdauert haben. Die Lage an dieser Kreuzung war historisch von großer Bedeutung, da hier die Handelsstraßen von Gernsheim nach Dieburg und von Frankfurt nach Heidelberg zusammentrafen. Bereits 1564 stand in unmittelbarer Nähe das Rathaus an der Modau, das 1847 an einen anderen Standort verlegt wurde. 1532 richteten die Frankensteiner, die damals in Konflikt mit dem Landgrafen von Hessen standen, eine neue Straße von Eberstadt nach Darmstadt ein, die genau über diese Kreuzung führte. Ziel war es, den hessischen Zoll am Eberstädter „Weinweg“ zu umgehen und die Einnahmen dem Landgrafen zu entziehen.

Entstehung im Zusammenhang mit Zollkonflikten

Die Frankensteiner besaßen ein Grundstück westlich und südlich der heutigen Heidelberger Landstraße und Oberstraße, direkt an der Linie der Ecke Pfungstädter Straße und dem Weinweg, wo auch das alte hessische Zollhaus von etwa 1532 bzw. 1574 stand. 1575 errichteten sie ein Haus auf dieser alten Handelswegtrasse, obwohl das Bauen auf Straßen damals eigentlich verboten war. Dendrochronologische Untersuchungen der Stadt Darmstadt aus dem Jahr 1984 bestätigen das Baujahr. Das Haus gehörte zum Frankensteinisch-Schönburger Hofgut, das 1660 an Hessen verkauft wurde. Der ursprüngliche Besitz erstreckte sich von der Ecke Heidelberger Landstraße bis zur Geibel’schen Schmiede im Osten und bis zur nördlichen Grenze des Grundstücks Heidelberger Landstraße 214.

Das Haus ist schon 1575 mit einem bemerkenswert großen Keller gebaut worden. Doch welchen Sinn hatte es, solch einen Keller zu errichten?

Gernot Fritzsching

Nutzung als Kellerei und bauliche Besonderheiten

Das Haus wurde mit einem großen Keller erbaut, der 12,40 m lang, 6,86 m bis 7,50 m breit und 3,80 m hoch ist. Ursprünglich diente es als Kellerei, in der die Eberstädter Bauern ihre Abgaben für die Lehenstücke lagerten. Unter demselben Dach befand sich zudem eine Scheuer, die noch heute existiert. Nach dem Verkauf an Hessen wurde die Kellerei weiterhin genutzt.

Streit um Besitz und Übergang an Hessen

Die Besitzverhältnisse waren komplex: 1602 vereinbarten Ludwig von Frankenstein von der älteren Linie und Anna von Frankenstein, Erbin der jüngeren Linie, einen Erbvertrag, der Anna das Haus als Witwensitz zusicherte. 1613 tauchte Johann Carl von Schönburg auf und bestritt Annas Erbrecht. Nach Annas Tod 1622 eskalierten die Streitigkeiten vor dem Reichskammergericht, bis die Schönburger etwa 1660 das Eigentum durchsetzten. Danach ging das Anwesen in landgräfliches Eigentum über, wurde parzelliert und verkauft oder verpachtet.

Brauhaus und wirtschaftliche Nutzung

Ein wichtiger Teil des Anwesens war das Brauhaus, das in Ost-West-Richtung an das Wohnhaus angebaut war. Es verfügte über einen Keller von 6,50 m × 4,75 m und zwei weitere Gewölbekeller, von denen einer heute zugeschüttet ist. Bereits um 1700 war in diesem Gebäude eine Brauerei in Betrieb. Über die Jahrhunderte hatte das Haus viele Besitzer. Besonders hervorzuheben sind die Familien Darmstädter sowie später Harnischfeger und Neidert, die Bierbrauerei, Bäckerei und Branntweinbrennerei betrieben. Die Familien machten über 100 Jahre lang gute Geschäfte, doch mit dem Bau der Eisenbahn ging der Bierkonsum zurück, und das Brauereigeschäft musste durch andere Einkünfte ergänzt werden. Tragische Unglücksfälle, wie der frühe Tod von Neidert mit 42 Jahren, führten dazu, dass das Grundstück teilweise in fremde Hände geriet.

Umbauten und neue Nutzungen im 20. Jahrhundert

1908 brachte Sattlermeister Heinecke das Anwesen wieder zu einem Aufschwung. Er baute das ehemalige Brauhaus zu einem Gartensaal mit Bühne, Büffet und Gartenwirtschaft um. Der Malzraum wurde in zwei Fremdenzimmer und eine Werkstatt umgewandelt, und die Toreinfahrt erhielt einen kleinen Raum für den Konsumverein, der hier 1936 einen Verkaufsladen eröffnete, der bis 1963 bestand. Heinecke starb 1921, doch bereits 1920 eröffneten die Buchdruckerei und der Verlag Bickelhaupt ihre Geschäftsräume im Haus, wo sie die „Eberstädter Zeitung“ druckten. Zeitgleich übernahm Wilhelm Spangenberg die Sattlerwerkstatt und eröffnete einen Lederwarenshop, den er 1927 kaufte.

Gewerbebetriebe und schwierige Zeiten

Die Familie Spangenberg erlebte schwierige Zeiten, wie Inflation, Weltwirtschaftskrise, Vorkriegszeit, Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit. Trotzdem beschäftigte Spangenberg in guten Zeiten acht Gesellen. Später ergänzte die Firma Spangenberg / Lochmann das Geschäft um ein Raumausstatter- und Gardinengeschäft. Die Werkstatt wurde bis 1964 betrieben, das Ladengeschäft der Tochter noch bis 1980. Heute gehört das Anwesen den Enkeltöchtern der letzten Besitzerfamilie und steht als Zeugnis der wechselvollen Geschichte von Eberstadt und der vielfältigen Nutzung von über 450 Jahren.

Gernot Fritzsching

Gernot Fritzsching arbeitet an der TH Darmstadt von 1955 bis 1959 als Feinmechaniker. Anschließend absolvierte er das Studium der Elektrotechnik an der Ingenieurschule Darmstadt und war von 1962 bis 1971 in der Großmaschinenberechnung bei BBC Baden (Schweiz), in der Fertigungsplanung bei Calor Emag in Ratingen und bei AEG-Telefunken in Frankfurt am Main tätig. Nach einem zusätzlichen Studium der Erziehungswissenschaft und Gesellschaftswissenschaft an der TH Darmstadt unterrichtete er als OStR an den berufsbildenden Schulen in Bad Kreuznach und Darmstadt.

Foto © Gernot Fritzsching (Titel)