Stadtteil-Historiker – Helmut Hahn

Die Geschichte der Marienhöhe in Eberstadt

Vom kahlen Hügel zum Eberstädter Schmuckstück

Schwarz-Weiß-Foto eines sechseckigen Holzpavillons mit Spitzdach, umgeben von hohen Bäumen. Darin sitzt eine Person. Der Text lautet: "Darmstadt, Tempel auf der Marienhöhe". Wege führen zu dem Bauwerk.

Ein Hügel mit Geschichte

Die Marienhöhe im Norden von Darmstadt-Eberstadt wirkt auf den ersten Blick wie ein gewöhnlicher bewaldeter Hügel. Doch hinter dieser scheinbaren Ruhe verbirgt sich eine bewegte Vergangenheit. Über viele Jahrzehnte hinweg war die Marienhöhe Schauplatz ganz unterschiedlicher Entwicklungen, die eines gemeinsam haben: Sie machten den Ort zu einem besonderen Treffpunkt für Natur, Kultur und geistiges Leben.

Waldpark Marienhöhe

Im 19. Jahrhundert begann die Geschichte der Marienhöhe als Teil eines großherzoglichen Lust- und Waldparks. Unter Ludwig III. wurde das Gelände gestaltet und verschönert. Wege wurden angelegt, Bäume gepflanzt und Fischteiche geschaffen. Ein kleines Tempelchen lud Besucher dazu ein, die Aussicht zu genießen und zur Ruhe zu kommen. Dieser Gedanke der Erholung blieb lange erhalten, auch wenn sich die Bauwerke im Laufe der Zeit veränderten. Der ursprüngliche Tempel verfiel und wurde 1935 durch einen massiven Granitbau ersetzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dieser jedoch kritisch gesehen und schließlich durch einen neuen, an das Original angelehnten Unterstand ersetzt, der bis heute an die frühere Gestaltung erinnert.

Das Wort „Wingolf“ (altnordisch vingolfr) kommt aus der germanischen Mythologie und bedeutet so viel wie „freundliches Haus“.

Helmut Hahn

Darmstädter Wingolf

Ende des 19. Jahrhunderts erhielt die Marienhöhe eine neue Bedeutung: Sie wurde zum Gründungsort des Darmstädter Wingolfs, einer christlichen Studentenverbindung. Da religiöse Zusammenkünfte damals nicht überall möglich waren, fand die Gründung 1899 unter freiem Himmel auf dem Hügel statt. Seitdem ist die Marienhöhe eng mit der Geschichte dieser Verbindung verbunden. Eine Gedenktafel erinnert an die Gefallenen der beiden Weltkriege, und bis heute kommen Mitglieder regelmäßig hier zusammen, um ihrer Gründung zu gedenken. Der Ort wurde damit nicht nur ein Platz der Natur, sondern auch des Glaubens und der Erinnerung.

Elizabeth Duncan Schule

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zog ein ganz anderer Geist auf die Marienhöhe ein. Die Tänzerin Isadora Duncan und ihre Schwester Elizabeth gründeten hier eine Schule, die weit mehr war als eine gewöhnliche Tanzschule. Sie verband Kunst, Bildung und eine neue, freie Form des Ausdrucks. Die Schülerinnen lebten und lernten auf dem Gelände, traten bei internationalen Veranstaltungen auf und wurden Teil einer kulturellen Bewegung, die sich an der Antike orientierte und neue Wege im Tanz beschritt. Doch der Erste Weltkrieg setzte diesem Kapitel ein abruptes Ende. Die Schule wurde aufgegeben, und das Gebäude diente vorübergehend anderen Zwecken.

Vom Missionsseminar zum Schulzentrum

Ein neues, langfristig prägendes Kapitel begann 1924, als die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten das Gelände erwarb. Aus dem ehemaligen Schulgebäude wurde ein Missionsseminar, in dem Prediger ausgebildet wurden. Nach und nach entwickelte sich daraus ein vielseitiges Bildungszentrum. Trotz Rückschlägen – wie der Schließung während der NS-Zeit, der Nutzung durch die Wehrmacht und den Zerstörungen des Krieges – gelang nach 1948 ein Neuanfang. Mit viel Einsatz wurden die Gebäude wieder aufgebaut und der Unterricht fortgesetzt. In den folgenden Jahrzehnten wuchs die Einrichtung stetig. Neue Schulzweige kamen hinzu, Gebäude wurden erweitert, und schließlich entstand das heutige Schulzentrum Marienhöhe mit Gymnasium, Realschule, Grundschule und Internaten. Heute lernen hier Schülerinnen und Schüler aus vielen Nationen in einer modernen Umgebung.

Ein roter Faden durch die Zeit

So unterschiedlich die einzelnen Epochen auch erscheinen mögen, verbindet sie doch ein gemeinsames Element. Die Marienhöhe war immer ein Ort, an dem Menschen zusammenkamen – sei es zur Erholung, zum Glauben, zur Kunst oder zur Bildung. Gerade diese Verbindung macht den Hügel zu etwas Besonderem. Über die Jahre hinweg hat sich die Marienhöhe immer wieder gewandelt, ist aber zugleich ihrem Charakter treu geblieben: ein Ort der Begegnung, der Inspiration und – in vielerlei Hinsicht – auch ein Ort, an dem Religion und Gemeinschaft ihren festen Platz gefunden haben.

Helmut Hahn

Helmut Hahn wurde kriegsbedingt in einem Schloss geboren und ist dann in Oberbayern aufgewachsen. Er machte eine Ausbildung zum Mechaniker bei Siemens. Er arbeitete als Krankenpfleger und Lehrer für Pflegeberufe, zuletzt 25 Jahre im Klinikum Darmstadt. Helmut Hahn ist leidenschaftlicher Fotograf. Im Jahr 1988 zog er nach Eberstadt, wo sein Sohn auf die Marienhöhe in die Schule ging. Er beschäftigte sich erstmals mit Geschichte durch die Übertragung der Familienchronik des Großvaters von deutscher Schrift in lateinische Buchstaben. Es folgten Fotografien von denkmalgeschützten Häusern in Darmstadt und Umgebung für die Online-Plattform Wikipedia.

Foto © Sammlung Niels Springer (Titel)