Stadtteil-Historiker – Dr. Joachim Schmidt
Rom an der Modau
Römische Spuren in Eberstadt

Eberstadt in der römischen Provinz
Vom 1. bis zum 3. Jahrhundert n. Chr. gehörte das Gebiet zwischen Rhein und Main zur römischen Provinz Germania Superior. Landwirtschaft, Handwerk und Handel florierten, und ein weit verzweigtes Straßennetz verband Militärstandorte, Gutshöfe und Siedlungen. Im Raum Eberstadt kreuzten sich zwei wichtige Verkehrsachsen – eine in Nord-Süd-Richtung und eine von Dieburg zum Rheinhafen Gernsheim.
Die Landschaft als historische Spur
Viele archäologische Unterlagen und Funde gingen in der Darmstädter Brandnacht 1944 verloren. Auch in Eberstadt selbst sind heute keine sichtbaren römischen Bauwerke mehr erhalten. Hinweise auf die antike Vergangenheit lassen sich deshalb vor allem aus der Landschaft und aus älteren Forschungsarbeiten gewinnen. Eine wichtige Rolle spielt dabei die rund 10.000 Jahre alte Sanddüne südlich der Modau. Ihr tiefster Einschnitt entspricht vermutlich einem sehr alten Verkehrsweg. 1888 wurden im Modau-Schwemmland zudem Reste einer möglicherweise römischen Holzbrücke entdeckt.
Eine Nord-Süd-Achse und eine Ost-West-Achse dieses Netzes
Dr. Joachim Schmidt
in der Provinz Germania Superior kreuzten sich im Raum Eberstadt. Aber wo genau war diese Kreuzung?
Die römischen Straßen
Die Römer bauten die vorhandenen Wege zu befestigten Straßen aus. Eine wichtige Nord-Süd-Verbindung führte von Nida bei Frankfurt über Eberstadt entlang des Odenwaldes nach Heidelberg-Neuenheim. Eine zweite Straße verband Dieburg mit dem Rheinhafen Gernsheim. Daneben nutzten und veränderten die Römer ältere Wege. Der sogenannte Alte Dieburger Weg wurde teilweise durch eine neue, geradlinigere Strecke nördlich der Modau ersetzt – den später als Weinweg bezeichneten Weg, der heute als Steigertsweg bekannt ist.
Zwei Abzweigungen statt einer Kreuzung
Lange wurde angenommen, dass sich die beiden römischen Straßen in Eberstadt direkt kreuzten. Neuere Überlegungen sprechen dagegen von zwei Y-förmigen Abzweigungen, jeweils nördlich und südlich der Modau. Südlich führte die Verbindung von Heidelberg und Gernsheim zum tiefen Einschnitt der Düne am Kirchberg, während der Modau-Übergang etwa am heutigen Hilße-Eck gelegen haben dürfte. Nördlich traf die Verbindung nach Dieburg auf die Straße Richtung Nida im Bereich der heutigen Heinrich-Delp-Straße und des Steigertswegs.
Das Zollhaus und der alte Weinweg
Auch die spätere Geschichte der Straßenführung liefert Hinweise auf ihre Bedeutung. Das heute noch erhaltene landgräfliche Zollhaus in der Heinrich-Delp-Straße von 1574 lag an einer strategisch wichtigen Stelle des alten Verkehrswegs. Im 16. Jahrhundert wurde die Straßenführung verändert, um die landgräfliche Zollstelle zu umgehen. Mit dem Bau eines Frankenstein’schen Hofguts im Jahr 1575 verschwand schließlich ein weiterer Teil des alten Weinwegs. Das Zollhaus und Reste des Hofguts sind bis heute erhalten.
Die Suche nach dem römischen Kastell
Um 1900 suchte der Denkmalpfleger Wilhelm Soldan am Steigerts nach einem römischen Erdkastell. Sein Grabungsbericht galt lange als verschollen. Eine 2021 durchgeführte Magnetometer-Prospektion am Mühltalbad brachte zunächst keine Befunde. Später konnten jedoch Soldans alte Grabungsberichte bei der Römisch-Germanischen Kommission in Frankfurt wiedergefunden werden. Dabei stellte sich heraus, dass die moderne Prospektion die historische Grabungsstelle nur knapp verfehlt hatte.
Die Suche nach dem Kastell zeigt, wie schwierig die Erforschung der römischen Vergangenheit Eberstadts ist. Gleichzeitig lassen sich aus Landschaft, historischen Straßenverläufen, älteren Funden und neuen archäologischen Methoden immer wieder neue Hinweise gewinnen. Die Frage, ob sich in Eberstadt tatsächlich ein römisches Kastell befand und wo genau die antiken Verkehrswege verliefen, bleibt damit ein spannendes Forschungsfeld.
Dr. Joachim Schmidt
Pfarrer i.R. Dr. theol. Joachim Schmidt, Jahrgang 1948, absolvierte bis 1971 eine doppelte Ausbildung als Theologe und Journalist. 1976 berief ihn die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) zum Beauftragten für Hörfunk und Fernsehen.
1989 bis 2013 leitete er die Öffentlichkeitsarbeit der EKHN. Im Ruhestand widmet er sich seiner Leidenschaft als Hobby-Historiker mit journalistischem Anspruch. Ein Buch über seine Forschungen zum Leben des Eberstädter Pfarrers Wolfgang Weißgerber ist unter dem Titel „Auf rechter Straße“ mit Unterstützung der Dotter-Stiftung im März 2020 erschienen. Joachim Schmidt ist seit 1971 verheiratet, hat mit seiner Frau vier erwachsene Kinder und sieben Enkelinnen, lebt seit 2006 in Eberstadt
und ist u.a. Mitglied des Geschichtsvereins Eberstadt-Frankenstein.
Foto © Hessisches Landesamt für Bodenmanagement und Geoinformationen. Ausschnitt aus der Haas-Karte von 1789 (Titel)






