Stadtteil-Historiker – Susanne Schuckmann und Dr. Bärbel Herbig
Wein in Eberstadt
Alltäglich und doch besonders

Eberstadt im 8. Jahrhundert: Felder, Wiesen, Weiden – aber kein Wein
Wein ist in Eberstadt allgegenwärtig gewesen, auch wenn er ursprünglich nicht selbstverständlich war. Erste urkundliche Erwähnungen Eberstadts aus dem Jahr 782 nennen Felder, Wiesen, Weiden und Wasserstellen, jedoch keine Weingärten. Ob dies bedeutet, dass im 8. Jahrhundert überhaupt kein Wein in Eberstadt angebaut wurde, ist unklar – gesichert ist nur, dass Walter und Williswind, die ihren Besitz dem Kloster Lorsch schenkten, keine Weingärten besaßen. Vermutlich begann der Weinbau im Mittelalter mit der Christianisierung und dem Einfluss adeliger Familien.
Kirche und Adel – der Weinbau floriert
Das Kloster Lorsch spielte eine zentrale Rolle: Es sammelte Wissen über Weinanbau, Weinherstellung und die medizinische Nutzung von Wein. Um 800 entstand dort das „Lorscher Arzneibuch“, in dem Wein in vielen Rezepturen verwendet wurde. Karl der Große erließ 794 detaillierte Vorschriften für den Weinbau auf seinen Krongütern, z. B. zur hygienischen Traubenernte und Lagerung des Weins. Adelige wie die Frankensteiner und Katzenelnbogener bauten Wein auf ihren Eberstädter Gütern an. Die Dorfbewohner übernahmen diese Praxis, da Wein vielseitig nutzbar war: als nahrhaftes, haltbares Getränk, als Zahlungsmittel, für Gottesdienste oder sogar zur Bezahlung von Strafen.
Hat Eberstadt vielleicht ehemals so ausgesehen wie heutige Weinorte der südlichen Bergstraße?
Susanne Schuckmann und Dr. Bärbel Herbig
Wo in Eberstadt der Wein wuchs
Flurbücher aus dem 15. Jahrhundert dokumentieren die Standorte der Weinberge, z. B. an der Ulvenbergdüne, der Weinbergschneise, entlang der alten Dieburger Straße, am Hainweg und an der Gemarkungsgrenze zu Nieder-Beerbach und Malchen. Die Ulvenbergdüne, eine kalkhaltige, nährstoffarme Flugsanddüne, war ein besonders extremer Standort, der trotzdem „Sandwein“ hervorbrachte. Die besten Lagen lagen auf den Westsonnenhängen entlang der alten Dieburger Straße und im Dünengebiet Lerchenberg und Kernesbellen, wo auch die Frankensteiner ihre Weingärten hatten. Nördlich von Eberstadt erinnerten Straßennamen wie „Weingartenstraße“ an den früheren Weinbau.
Streit um den Güldenweinzoll
Weinbau war nicht immer einfach. Streitigkeiten um den Güldenweinzoll, eine Frachtsteuer auf Wein, führten zu Auseinandersetzungen zwischen den Frankensteinern und den Landgrafen von Hessen. Die Bauern litten zudem unter den Parforcejagden der Landgrafen, die Flurschäden verursachten. Trotz des Dreißigjährigen Krieges und massiver Bevölkerungsverluste (1630 lebten nur noch 71 Menschen in Eberstadt) blieb der Wein ein zentraler Bestandteil des Lebens und sogar eine Form der Währung.
Gegen die Kartoffel ist der Wein chancenlos
Im 18. Jahrhundert begann der Weinbau zurückzugehen. Die Einführung der Kartoffel, die einfacher zu kultivieren war, und der Obstbau reduzierten die Bedeutung der Weinproduktion. 1753 wurden noch etwa 104.000–128.000 Liter Wein geerntet, vierzig Jahre später nur noch ein Achtel davon. Mit der Industrialisierung ab 1846 und dem Bau der Main-Neckar-Bahn wuchs die Bevölkerung stark, die Weingärten wurden überwiegend überbaut, und der Weinbau verlor seine wirtschaftliche Bedeutung.
Eine Tradition wird belebt
Die Erinnerung an die Eberstädter Weinbautradition blieb erhalten. 2005 gründeten Bürger die Arbeitsgruppe „Die Eberstädter Weingärtner“ und legten am Steigertsweg einen 6.100 Quadratmeter großen Weingarten an. Dort werden Weißwein (Johanniter) und Rotweincuvées (Regent, Cabernet Cortis) angebaut. Trotz schwieriger Wetterbedingungen, wie dem kühlen Frühling und dem heißen Sommer 2018, konnten die Hobbywinzer kontinuierlich Ernten erzielen und ihren Wein produzieren. Heute erinnert der neue Weingarten nicht nur an die historische Bedeutung des Weinbaus in Eberstadt, sondern belebt die Tradition aktiv für die Gemeinschaft.
Susanne Schuckmann und Dr. Bärbel Herbig
Susanne Schuckmann und Dr. Bärbel Herbig sind zugereiste Eberstädterinnen aus Mainz und Westfalen. Sie interessieren sich für lokale Geschichte, vor allem lebendige und gelebte. Wie haben Menschen früher gelebt und welche Spuren haben sie hinterlassen? Es machte sie neugierig, wie präsent Wein in Eberstadt ist. Sie nutzten den Wein als Vehikel in die Vergangenheit, in den Alltag der Gesellschaft, der durch den Wein geprägt wurde: als Lebens-, Rausch- und Genussmittel, Währung, Medizin, Wirtschafts- und Exportgut.
Foto © Herbig / Schuckmann (Titel)




