Stadtteil-Historiker – Dr. Bernhard Bremberger
Zwangsarbeit in Eberstadt
Eberstädter Kriegswirtschaft

Zwangsarbeit in der Eberstädter Kriegswirtschaft
Eberstadt war in die nationalsozialistische Kriegswirtschaft und die damit verbundene Zwangsarbeit während des Zweiten Weltkriegs eingebunden. Ausgangspunkt ist die grundlegende Frage, wie in der Geschichte mit Fremden umgegangen wurde – zwischen Faszination und Übernahme fremder Bräuche, engagierter Toleranz oder bloßer Duldung sowie Angst, Rassismus und hasserfüllter Ablehnung. In diesem Spannungsfeld bewegt sich die Darstellung der Situation in Eberstadt, die die Praxis der Zwangsarbeit unmittelbar vor Ort beleuchtet.
Beginn der Kriegswirtschaft
Mit dem Bau der Heeresmunitionsanstalt Darmstadt-Eberstadt (Muna) ab 1938 begann die systematische Kriegswirtschaft in Eberstadt. Die Muna, offiziell H. Ma. Darmstadt-Eberstadt, war eine „Heereshauptmunitionsanstalt“, in der Munition für die Wehrmacht hergestellt, kartuschiert, gezündet und einsatzbereit gemacht wurde. Der Großteil der Lager und Bunker lag auf Pfungstädter Gebiet, die Verwaltungsgebäude und Baracken auf Eberstädter Seite. Die Muna wurde zum Zentrum der lokalen Kriegswirtschaft, zahlreiche Eberstädter Betriebe produzierten für die Anlage, darunter Bäckereien, Metzgereien und Metallbetriebe. Auch Frauen aus der Umgebung wurden dienstverpflichtet, was für sie eine seltene Möglichkeit war, eigenes Geld zu verdienen und Versicherungsleistungen zu erhalten.
Über allem steht die Frage: Wie ging man im Lauf der Jahrhunderte mit den und mit dem Fremden um?
Dr. Bernhard Bremberger
Zwangsarbeit in Landwirtschaft und Industrie
In Eberstadt lebten und arbeiteten während des Krieges rund 1.000 ausländische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Eingesetzt wurden Polen vor allem in der Landwirtschaft, französische Kriegsgefangene in Betrieben und auf Bauernhöfen, sowjetische „Ostarbeiter“ in der Industrie, italienische Militärinternierte, jüdische Zwangsarbeiter in der Papierindustrie sowie Strafgefangene. Polnische Zwangsarbeiter wurden in Eberstadt nur vereinzelt eingesetzt, während Pfungstadt stärker darauf zurückgriff. Die katholische Kirchengemeinde kümmerte sich seelsorgerisch um die polnischen Arbeiter, und es sind Taufen ihrer Kinder dokumentiert. Französische Gefangene waren häufig in der Landwirtschaft tätig, durften aber kaum Kontakt zu Einheimischen haben, um das Bild des „feindlichen Ausländers“ zu bewahren. Frauen, die Beziehungen zu ausländischen Arbeitskräften unterhielten, wurden hart bestraft, oft mit Zuchthaus oder KZ-Einweisung.
Jüdische Zwangsarbeiter
Besonders tragisch war das Schicksal jüdischer Zwangsarbeiter in den Eberstädter Papierfabriken. Einige von ihnen mussten bereits 1940 arbeiten und wurden später in Konzentrationslager deportiert, wo viele im Rahmen der sogenannten „Sonderbehandlung 14f13“ in Gaskammern ermordet wurden. Weitere jüdische Männer wurden über Sammellager abtransportiert und kehrten nie zurück.
Das „Russenlager“ in Pfungstadt
Die sowjetischen „Ostarbeiter“ wurden meist in Lagern untergebracht, wie im sogenannten „Russenlager“ in Pfungstadt. Die Bedingungen dort waren extrem schlecht: Überbelegung, mangelnde Hygiene, unzureichende Kleidung und katastrophale medizinische Versorgung führten zu Krankheiten und hoher Sterblichkeit. Kinder starben an Masern, Lungenentzündung oder Kreislaufschwäche, häufig bedingt durch Mangelernährung und geschwächte Abwehrkräfte. Tuberkulose breitete sich aus, Arbeitsunfähigkeit konnte den Tod bedeuten, da kranke oder nicht arbeitsfähige Zwangsarbeiter häufig in entfernte Lager „zurückgeführt“ wurden – ein Euphemismus, der oft die Ermordung bedeutete.
Weitere Lager in Eberstadt und Kriegsproduktion der Betriebe
Neben dem Pfungstädter Lager gab es weitere Unterkünfte in Eberstadt, unter anderem in Gaststätten, Werksgeländen und der Turnhalle der Marktstraße. Auch dort herrschten vermutlich ähnliche Lebensbedingungen. Die Eberstädter Betriebe stellten ihre Produktion zunehmend auf kriegswichtige Güter um, darunter Granaten, Motorenteile für die Marine, Plexiglas für die Luftwaffe oder Papphülsen für Munition. Selbst kleinere Betriebe waren direkt in die Rüstungsproduktion eingebunden.
Zwangsarbeit in der Muna
In der Muna selbst arbeiteten ab 1942 zunehmend ausländische Frauen, darunter mindestens 122 sowjetische, 18 französische und vier belgische Frauen, sowie Strafgefangene, die unter gefährlichen und schweren Bedingungen eingesetzt wurden. Bis zum Kriegsende waren rund 500 Strafgefangene dort tätig, zum Teil wegen politischem Widerstand gegen das NS-Regime. Weitere Mädchen aus dem Saarland oder Elsass wurden als „Kriegshilfsdienstmaiden“ eingesetzt. Die Muna wurde beim Luftangriff vom 22. März 1945 schwer beschädigt, möglicherweise teilweise absichtlich durch deutsche Truppen, um den Alliierten die Nutzung zu verwehren.
Eberstadt war tief in das System der nationalsozialistischen Zwangsarbeit eingebunden. Die lokale Wirtschaft profitierte von der Ausbeutung ausländischer Arbeitskräfte unter unmenschlichen Bedingungen. Der Text macht deutlich, dass Zwangsarbeit kein fernes Phänomen war, sondern unmittelbar vor Ort stattfand – in bekannten Straßen, Betrieben und Gebäuden. Zahlreiche Fragen, etwa zu genauen Zahlen, individuellen Schicksalen oder weiteren Lagern, bleiben weiterhin offen.
Dr. Bernhard Bremberger
Dr. Bernhard Bremberger, geboren 1953 in Darmstadt, begann 1972 sein Studium in Berlin, zunächst in Medizin bevor er zu Musikethnologie, Geschichte, Ethnologie und Turkologie wechselte. Seine Promotion schloss er in Bamberg im Fach Volksmusik über Musikzensur ab. Heute lebt er in Berlin und forscht lokalhistorisch zu Zwangsarbeit, Justiz und Medizin im Dritten Reich, hat aber immer noch ein Standbein in Eberstadt.
Foto © Stadtarchiv Darmstadt, Best. 201 Eberstadt, Bezirksverwaltung Eberstadt, Muna-Verwertung (Titel)





